Denk-bar

Am Ende wollen alle wieder gewinnen.

Gedanken nach Betrachtung des Heute-Journals und der Tagesthemen: - Vom Konkurrenzgebaren unter den Virologen will ich mal absehen. Viele äußern sich verantwortungsbewusst und machen ihre Sache gut. Immer noch zu viele aber möchten sich gern profilieren. Ihr Anerkennungsstreben ist Bestandteil eines befremdenden Wettstreits. Am Horizont zeichnet sich aber schon ein ganz anderes Gewinnstreben ab, eine Konkurrenz der Besserwisser, die alles mögliche schon immer oder wenigstens schon längst gewusst haben wollen. Sie brillieren jetzt mit Ansagen, was richtig ist und die Zukunft bestimmen müsse. Ihre Prophezeiungen und Prognosen zu dem, was nach Corona kommt oder kommen soll, haben ein G´schmäckle, riechen verdächtig nach einer Kriegsgewinnler-Mentalität.

Beispielsweise wittern manche Sozialisten, Antikapitalisten oder Altlinke ihre Chance, nachdem sie dreißig Jahre aus dem Rennen schienen. „Der Marxismus ist tot, der Kapitalismus ist krank, es lebe Karl Marx.“ (Terry Eagleton) Sie pflegen nicht nur das schöne Narrativ neuer Lernerfahrungen in Solidarität, sondern gehen zum Angriff über. Sie stellen nun mit Nachdruck die Systemfrage. Was die Rechten können, können Linke schon längst. Eigentlich, so behaupten sie, stelle ja das Virus diese Frage. Hinter dem Virus das Ressentiment zu verstecken, zeugt nicht von Zuversicht und hält keine Lösungen vor. Richtig ist, dass es über Jahre hin Fehlbewertung gesellschaftlicher Leistungen gab. Und richtig ist, dass es offenbar den Ausnahmezustand braucht, damit wirklich allen deutlich wird, welche Berufsgruppen zu den „systemrelevanten“ zählen. Nämlich nicht unbedingt die Herren in Nadelstreifen mit Krawatte, sondern die Männer und Frauen in Kitteln, wie Hubertus Heil süffisant bemerkte. Der Soziologe Sighard Neckel meinte in einem Artikel in der FAZ: „Unterbezahlte Kassiererinnen, die kürzlich noch wegen Pfandbons von ein paar Euros fristlos gekündigt werden konnten, bekommen jetzt plötzlich allerorten gesellschaftliche Anerkennung ausgesprochen, was sich nach Corona hoffentlich an deutlichen Lohnerhöhungen niederschlägt.“ Das hoffe ich auch; aber muss man gleich einen „Infrastruktursozialismus“ fordern? Muss man Ressentiments befördern mit Hinweisen wie dem, dass wir eher „auf etliche Consultans und Derivatehändler verzichten [können], aber auf keine einzige Pflegekraft im Krankenhaus“? Also, im Grunde sympathisiere ich ja mit dem Gerechtigkeitsstreben – aber nicht mit der Alternative „Leben oder Geld“ und der Aussicht auf neue Verteilungskämpfe, gerade wenn die Solidarität beschworen wird. Und wenn doch gerecht bisweilen wie gerächt klingt.

Ganz anders äußern sich verständlicherweise die Gescholtenen aus dem Bereich Wirtschaft. Sie beklagen den Shutdown zugunsten einer kleinen Gruppe hoch gefährdeter (ohnehin??) alter Menschen. Damit werde die gesamte Volkswirtschaft so sehr behindert, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands nachhaltig abschmelze. Der gesundheitlich optimale Schutz einer Teilgruppe sei abzuwägen mit dem allgemeinen Wohlstandsversprechen. Sie werfen Politikern vor, den zustimmungsfähigen Weg der Angstbeschwichtigung und den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, ja schlimmer noch: sich quasi-populistisch als wahre Anführer und Katastrophenhelfer darzustellen. Irrationale Panik und Hauruck-Strategien dürften aber nicht die wirtschaftliche Zukunft der Nation gefährden. Kein Wohlstand, keine Gesundheit… - das alte Lied im Gewand der Warnung?

Wieder andere treten auf als Verteidiger der Liberalität, der Demokratie und der Rechte (nicht der Rechten!). Sie malen als Teufel einen Staat an die Wand, der sich Rechte herausnimmt, was die freie Gesellschaft bedroht. Grundrechte seien in Gefahr, der Datenschutz aufgeweicht, Orban ante portas. In Schweden geht es doch auch – oder etwa nicht? Es sei doch so leicht, die gefährdeten Älteren zu verpuppen (dt. für cocooning). (Unwillkürlich muss ich an Mumien denken – will jetzt aber keine unpassenden Assoziationen anführen.) Man könne auf die Einsicht der Älteren bauen. Mir scheint allerdings, dass manche von den dann Betroffenen so handeln, als hätten sie nicht mehr viel zu verlieren. Auch fahren sie ja gern während der Rush Hour Stadtbahn oder gehen Einkaufen, wenn die Berufstätigen in den Läden sich drängen. Wer wollte es ihnen verdenken, dass sie mit dabei sein wollen, wo das Leben pulsiert? Freiwilligkeit ist ein hohes Gut, Mimesis aber eine psychologische Tatsache. Und nach Kohorten sortieren ist auch nicht besser als andere in Erinnerung gebrachte Triagen auch. Selbst und gerade Liberale müssten es wissen: die Freiheit endet an der Freiheit der andern, und: wirklich frei sind wir nur, wenn alle frei sind.

Oberwasser auch für die Grünen, insbesondere die Klima-Aktivisten. Was jetzt für den Schutz der Großeltern politisch und ökonomisch mit aller Macht und allen Mitteln durchgesetzt werde, müsse dann auch für den Schutz der Enkel gelten. In einfacher Sprache: „Wer achtlos das Virus weitergibt, gefährdet das Leben seiner Großeltern. Wer achtlos CO2 freisetzt, gefährdet das Leben seiner Enkel.“ (Hans Joachim Schellnhuber in der FR vom 26. März). Also: nach dem Großelternschutzprogramm steht die Rettung der Zukunft der Enkel auf dem Planeten an. Die ungehörten Rufer in der Wüste (oder Arktis) triumphieren: es gibt also doch Alternativen. Der Himmel ist doch leerzukriegen. Die Kreuzfahrtschiffe kann man doch am Auslaufen hindern. Das Signal: die Crew hat bereits alles Klopapier, das an Bord war, veräußert. „Geht doch!“ rufen sie also – „Ja geht’s noch?“ frage ich mich, mit immer mehr Kopfschütteln, nach jeder Nachrichtensendung noch erstaunter.

Noch ist nicht klar, wohin die Reise geht. Aber anscheinend wollen alle für ihre Anliegen etwas rausschlagen, ihre Warnungen bewahrheitet sehen und am Ende vom Virus profitieren. Am Ende, so fürchte ich, kommen auch noch die Philosophen. Heidegger war bekanntlich der Auffassung, Krisenzeiten seien die hohen Zeiten der Philosophie. Die Philosophie ist doch die wahre Ordnungsmacht und klärt die Rangordnung der Interessen, bestimmt das Gewicht von Geltungsansprüchen, prüft die Legitimität von Menschenbildern. Ich höre schon die die Unkenrufe: Die neue Privatheit führe zur Beschädigung des Kulturellen, die Reduktion des Menschen auf seine verletzliche Leiblichkeit verkenne seine geistig-seelischen Ressourcen, der symbolische Körper verdiene ebenso sehr Respekt wie der physische. Nur wer ein Wozu im Leben hat, erträgt auch jedes Wie. Und die Forderungen: Künftig also nichts wie in die Kurse, Seminare, Vorlesungen! Schreit die Welt aber wirklich nach Philosophie? Und wenn: Wo sind, wer sind die Philosophen?

Ich möchte auf keinen Fall ein Virus-Gewinnler sein. Ich werbe auch nicht dafür, den einstigen status quo zum Maß zu erheben und möglichst bald zur Normalität zurückzukommen. Was ist denn schon normal? Mal ehrlich: unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit (sub species aeternitatis) war auch die alte Normalität so normal auch wieder nicht. Was immer kommt, es wird gleichfalls ambivalent sein, Ambiguitäten aufweisen, uns menschlich fordern. Dann gilt, was auch jetzt schon gilt: die Nöte und Verwerfungen bitte nicht ausnutzen, sondern nützlich sein – da wo man grade steht, mit dem, was man zu geben hat. Man muss nicht gewinnen wollen, es genügt, den Menschen und der Sache zu dienen. Wer für eine bessere Welt kämpfen will, überzeugt eher, wenn er jetzt nicht recht haben will, alles schon immer besser gewusst zu haben behauptet und es den Gegnern bald zeigen wird, weil ihm oder ihr oder der eigenen Partei und Verein die Krise (vermeintlich) in die Hände spielt.

Am Ende noch dies: Man müsse einen Plan für die Wochen nach den Beschränkungen haben, hört man. Mich erstaunt, wie sprachvergessen und unsensibel es dann heißt: einen Plan für den „Exit“. Unter dem Namen EXIT bestehen zwei voneinander unabhängige Schweizer Vereine, die sich für die Sterbehilfe einsetzen und diese in Form der Suizidbegleitung auch leisten. Ich weiß schon, Exit heißt Ausfahrt, Ausgang. Das kleine Wort steht auf grünen Schildchen und zeigt den Notausgang an. Aber mich lässt es auch an Tod denken. Ob Neustart besser wäre? Schwer, in diesen Tagen, die beinahe sprachlos machen, die richtigen Worte zu finden. Und die richtige Haltung.

Texte von Thomas Gutknecht
Theologe, Philosoph (IGPP)

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