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Bleiben Sie gesund!

Bleiben Sie gesund! Das ist die neue Grußformel in unserem Land in diesen Tagen. Eine seltsame Aufforderung. Sie kann nur als frommer Wunsch verstanden werden. Drückt dies aus, dass Gesundheit das höchste Gut sein soll?

Lassen wir doch die Kirche im Dorf. Es geht, so sagt man, darum, die Verbreitungsgeschwindigkeit der Pandemie zu verlangsamen. Das Gesundheitswesen komme sonst zu schnell an seine Grenzen. Die Leidtragenden sind dann die Schwächsten. Viel Solidarität kommt so zum Ausdruck. Aber leider doch etwas angstgetrieben. Denn was ist mit der Solidarität im Blick auf erfrierende Flüchtende an der türkisch-griechischen Grenze? Was mit der Solidarität mit denen, die durch einschneidende Maßnahmen ihrer Existenzgrundlagen beraubt werden? Hierzulande heute? Durch unsere Wirtschaft etwa in Afrika gestern, heute und morgen?

Gesund bleiben im Kopf – das würde helfen, Maßstäbe anzuwenden, die nicht den Abstand messen, der vor Viren schützt, sondern den Beistand ermessen, den Menschen einander schulden, grenzüberschreitend, eben weil es Menschen sind. Der Maßstab von nah und fern ist zwangsläufig ein „räumlicher“. Der Nächste ist diejenige Person, der ich mich zum Nächsten mache; oder besser: der gegenüber ich mich zum Nächsten machen lasse; deren gefährdetes Dasein zu meiner Wirklichkeit wird.

Konsequentialistische Positionen in der Ethik habe lange argwöhnisch betrachtet. Doch angesichts der Maßnahmen zum potentiellen Schutz vor Lebensrisiken für Einzelne zu Lasten der Gefährdung und Bedrohung Vieler kann ich mich schwer verschließen gegenüber Zahlen, die Nutzen und Kosten ausweisen. Nackte Zahlen machen zumindest das Heucheln schwerer. Wie immer in Situationen der Krise und Veränderung gibt es Gewinner und Verlierer. Schlimm wäre es, wenn die Profiteure der Restriktionen am Ende diejenigen wären, deren Sinn am allerwenigsten auf Solidarität gerichtet ist.

Von all dem abgesehen: Leben ist lebensgefährlich. Und es ist etwas Schönes. Menschlich leben bedeutet auch wertbezogen das Leben gestalten. Und dann darf mit Schiller gefragt werden, ob denn Gesundheit tatsächlich der Güter Höchstes ist. Man darf seine Gesundheit auch mal riskieren – Selbstzweck scheint sie nicht zu sein. Und man kann sinnvoll leben, auch wenn es gesundheitlich nicht so gut um einen steht.

Ein Argument sagt nun, es gehe aber bei einigen Leuten, den sogenannten Risikopatienten, nicht bloß um Gesundheit, sondern um Leben und Tod. Ja. Jede zynische Bemerkung verbietet sich. Aber der Hinweis muss möglich sein, dass es wünschenswert wäre, würde Solidarität mit der gleichen Intensität erbeten auch dort, wo man, weniger angstgetrieben, viel leichter wegsehen kann: wo Menschen an Hunger sterben, gar verdursten; wo sie in Kriegen um Ressourcen für die, die ohnehin das Meiste haben, umkommen. Weshalb Notstand bei einer Virus-Art, die nicht mehr anrichtet wie viele andere auch – nicht aber bei humanitären Gefahrenlagen? Ist es nur die Neuartigkeit und Unsichtbarkeit des „Feindes“? Dann ist es also die Angst – und die ist niemals ein kluger Ratgeber…

Wenn es nicht so moralisierend klingen würde, würde ich vorschlagen, statt „Bleiben Sie gesund“ zu sagen: „Bleiben sie anständig“. Doch so weit zu gehen traue ich mich nicht, denn auch dies jemand zu sagen könnte unanständig sein. Wie wäre es mit der Kompromissformel: „Bewahren Sie kühlen Kopf und ein warmes (nicht fiebriges) Herz!“

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