Denk-bar

Was ans Herz geht, soll das Hirn anspornen, damit, wenn es uns Beine macht, wir auch Wege finden.

Krisen bringen es mit sich, dass sich Spreu und Weizen trennen. Böse werden böser, Gute gütiger, ja zu Heiligen oder wenigstens zu Helden. Und Krisen lassen Dumme noch dümmer aussehen. Manche Dummheit ist dabei sogar unanständig. Skandalös erscheint mir gerade jetzt, dass es selbst im 21. Jahrhundert unter Theologen und Kirchenführern noch solche gibt, die sich erkühnen, mit der Rede von Gott ihr Angstgeschäft zu betreiben. Unglücke, Katastrophen, Seuchen und anderes Teufelszeug werden genutzt, sinnfreies Glauben zu fordern.

Beispielsweise hat der Weihbischof von Chur, Marian Eleganti, sich mehrfach zur Corona-Krise zu Wort gemeldet. Für Eleganti hängen Grad des Glaubens auf der Welt und das Auftreten von Seuchen, wie die Pandemie durch die Lungenerkrankung durch Covid-19, das neue Corona-Virus, in diesen Kreisen bezeichnet wird, aufs Engste zusammen. Statt der leeren Weihwasserbecken brauche es nun Buße und Umkehr. In einem Video-Beitrag des konservativen österreichischen Portals „kath.net“ stellte er eine Verbindung zwischen der Frömmigkeit eines Volkes und seiner Bedrohung durch Seuchen, Krieg und andere Katastrophen her. Gebete sowie Gottesvertrauen wirkten sich sichtbar auf die Befindlichkeit von Nationen und einzelnen Menschen aus. Man solle sich nicht auf eigene Einsicht und menschliches Wissen, vielmehr ganz auf Gottes Allmacht verlassen. Und man müsse Gott das Recht zu strafen zugestehen. Ihm, dem Weihbischof, gehe „nicht ins Herz“, dass das geweihte Wasser die Gläubigen nicht schützen sollte. - Was für eine Naivität, „Frömmigkeit“ gegen Wissenschaft auszuspielen! So kommt es, wenn das Herz vom Hirn sich löst.

Auch die Wochenschrift „Christ in der Gegenwart“ verfolgt ihre Geschäfte mit fragwürdigen Methoden. Noch am 11. März startete sie eine Umfrage, eingeleitet mit den Worten: „Jetzt untersagt die dortige Regierung [in Italien, T.G.] bis zum 3. April alle öffentlichen religiösen Feiern. Die italienische katholische Bischofskonferenz folgt der Anweisung. Das heißt in der Praxis: In Italien gibt es nun überhaupt keine Gemeinde-Messen mehr. In der Bibel waren Seuchen dagegen Anlass, sich intensiv Gott zuzuwenden. Sehr geehrte/r Frau/Herr N.N., wie ist das heute? Nehmen Sie teil an unserer Blitzumfrage und sichern Sie sich als Dankeschön 8 Gratis-Ausgaben unserer Wochenzeitschrift.“ Ich traute meinen Augen nicht – das Geschäftliche, z.B. dass danach eine Kündigung erforderlich ist, die man schnell mal vergisst oder den Erhalt mit Telefonwerbung „abbezahlen“ muss, jetzt mal ganz beiseitegelassen. Gibt es nach drei- und zweitausend Jahren nicht entscheidende Fortschritte in der Medizin? Ich dachte, auch die Christen hätten theologische Fortschritte gemacht. Augenscheinlich nicht alle. Kein Wunder also, wenn immer mehr Glaubende denen den Rücken kehren, die Ansagen á la Eleganti machen oder unsägliche Umfragen machen. Traurig, dass seit Jahrhunderten schon die Aufgeweckteren über solche Missgriffe und theologischen Unsinn nur noch den Kopf schütteln. Die Pandemie der Fundamentalismen aller Couleur ist gefährlicher als jedes Virus.

Das Virus als Strafe Gottes zu bezeichnen, ist zynisch und ein großes Ärgernis für jeden vernünftigen Gottesfreund und weder mit der Botschaft Jesu noch mit irgendeinem philosophischen Gottesbegriff zu vereinbaren. Der Philosoph Epikur hatte schon um 300 vor unserer christlichen Zeitrechnung erklärt: Atheist ist, wer Gott nicht göttlich, sondern allzu menschlich denkt - und Denken heißt auch Fühlen. Liebe tut alles anderes als Schuldige suchen oder Rächer beschwören. Liebe (und es macht keinen Sinn, „christliche“ Liebe vor einer anders motivierten Zuwendung eigens auszuzeichnen) geht vielmehr so: „Mein Altar wird das Bett der Kranken.“ Dies sagte der italienische Priester Alberto Debbi, der, ausgebildet zum Arzt, wegen der Corona-Krise sein geistliches Amt ruhen lässt und jetzt erst mal in einem Krankenhaus arbeitet. Christ sein bedeutet zuallererst menschlich denken und handeln. Liebe schwingt nicht das Weihrauchfass (selbst wenn der Rauch desinfizierende Wirkung entfalten mag), Liebe schwingt sich auf zur Barmherzigkeit, wird Schwungrad, das die Bequemlichkeit überwinden hilft und die Ängstlichkeit und das Kleinkarierte hinter sich lässt. Jetzt ist nicht die Stunde für Rechthabereien oder Triumphe des Besserwissens. Doch unstrittig sollte sein: Der gütige Gott behütet uns nicht durch Lippenbekenntnisse und geweihtes Wasser, sondern durch Menschen, in denen er Wohnung genommen hat und die sich von seinem (nicht ihrem) Geist leiten lassen. Es geht nicht um die Frage, was er zulässt und wozu, es geht um die Frage, was wir ihm verdanken und wie wir es danken, in Solidarität mit allen Menschen und mit allen Mitteln, die uns Menschen geschenkt sind. Gefragt ist das Bewusstsein, dass Gott alles das in unsere Hände gelegt hat, was man braucht, um die Liebe zu tun. Auch Händewaschen hilft – aber nicht in Unschuld, wie das die Superfrommen gerne tun. Beten ist gewiss auch nicht verkehrt, aber Beten mit dem Leben, nicht nach Formeln und Formularen: Beten mit Verstand, vor Gott im Blick auf die Welt.

Thomas Gutknecht, 31. März 2020

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