Haltung wirkt

Gedanken zum neuen Schwerpunktthema 2019/ 20 - von Dr. Claudia Guggemos

Die Autorin ist Theologin, Pastoralreferentin, Personzentrierte Coach und psychologische Beraterin und neue Leiterin des keb-Bildungswerks

Haben Sie schon einmal einen Pfeil abgeschossen? Ich meine das nicht im übertragenen Sinn – sondern ich denke an einen Bogen, der eine Sehne spannt und an eine Zielscheibe auf einem Strohballen – an eine Übung im Bogenschießen. Beim intuitiven Bogenschießen kommt es ganz und gar auf die Haltung an: Wie stehe ich? Wie halte ich den Bogen? Bin ich konzentriert? Wie baue ich Spannung auf? In welchem Winkel und welchem Verhältnis stehe ich zum Ziel? Das Hauptaugenmerk liegt darauf, die eigene Haltung zu beobachten und immer wieder anzupassen, neu zu beobachten, ins Verhältnis zum Ziel zu setzen, wieder anzupassen und dann den Pfeil im richtigen Moment loszulassen. Haltung wirkt, wenn wir Ziele erreichen wollen.

In den vergangen sieben Jahren meiner Berufstätigkeit am Fortbildungsinstitut der Diözese Rottenburg-Stuttgart durfte ich Erfahrungen in Bildungs- und Beratungsprozessen von Menschen und Organisationen machen. Beratung bedeutet, einen Raum zu schaffen, in dem Haltungslernen wie beim intuitiven Bogenschießen möglich wird. Dabei hat sich ein Dreischritt bewährt aus Halt – Haltung – Verhalten.

Halt
„Halt“ bedeutet aufhören, innehalten und wahrnehmen. Es bedeutet, die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was gerade geschieht im Sinn einer echten Achtsamkeit. Auch wenn Achtsamkeit ein Modewort ist, so meine ich, dass es zurecht gerade in aller Munde ist, denn wir sind es nicht gewohnt, wahrzunehmen was JETZT ist, ohne zu bewerten. Es ist heilsam, genau diese Offenheit einzuüben: Zuerst wahrzunehmen und zu betrachten, ohne zu bewerten, was ist.

Haltung
Wenn ich achtsam wahrgenommen habe, was ist, dann ist es möglich, meine Emotionen und meine Bewertungen zu erkunden: Welches Gefühl löst dieser Mensch, diese Situation, diese Krise, dieses Problem, diese Veränderung in mir aus? Ist es eher Angst oder Freude, Trauer, Ekel, Ärger oder Hoffnung?
Welche Werte berührt die Herausforderung? Welche Grundlagen und Werte stellt sie in Frage oder bestätigt sie? Was bedeuten diese Werte für mich? Was bedeuten sie für die Menschen, mit denen ich lebe und arbeite?
Aus der Betrachtung der Gefühle und der Werte kann sich herauskristallisieren, welche Haltung ich zu der aktuellen Herausforderung habe. Ich kann sie beschreiben und benennen. Wenn ich es dann will, kann ich daran arbeiten, meine Haltung zu verändern: Ich kann meine Haltung vertieft neu verstehen, oder ich kann sie der aktuellen Situation anpassen und verändern.

Verhalten
An meinem Verhalten kann ich überprüfen, wie sich meine Haltung verändert hat – sei es, dass ich neu verstehe, wie ich handle, weil meine Haltung zu einer Situation explizit geworden ist oder sei es, dass ich eine neue Verhaltensmöglichkeit ausprobiere, die bisher nicht zu meinem Repertoire gehört hat.

Haltung wirkt
Die Haltung eines Menschen prägt sein Verhalten. In frommen Sonntagsreden können wir sie nicht erfahren. Abstrakte Worthülsen über Wertebildung bleiben hohl. Die Haltung eines Menschen erkennen wir daran wie jemand handelt, wie er sich anderen Menschen gegenüber verhält, wofür er oder sie sich einsetzt.

Haltung wirkt in der Gesellschaft
Wir erleben neue Zuspitzungen von weltweiten Konflikten, wir erleben Ausgrenzung, Hetze, Gewalt und eine Verschärfung der Sprache Minderheiten gegenüber. Gleichzeitig sehen wir junge Menschen, die die Zerstörung unserer Welt und Umwelt nicht länger stillschweigend mittragen wollen und sich ganz neu engagieren. Wir haben Frauen und Männer erlebt, die sich in ihrer Kirche stark gemacht haben für den Schutz von missbrauchten Kindern und Frauen und für die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Diese Haltungen wirken ermutigend. Die Haltung eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen wirkt auch nach innen. Haltung gibt Halt – besonders in schwierigen Situationen, die Veränderung bedeuten. Im Erleben von Umbrüchen und Veränderungen sind die Kirchen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft unterwegs. In diesem Sinn ist es Aufgabe der Katholischen Erwachsenenbildung, Räume zu schaffen, in denen Menschen „Halt machen“ können, in denen es möglich ist, achtsam auf sich selbst und die eigene Haltung zu schauen. Einen Ort anzubieten, wo die eigene Haltung, die eigenen Gefühle, Werte und Bewertungen wahrgenommen und überprüft werden können, ist eine weitere Aufgabe eines offenen kirchlichen Bildungsangebots, damit ein neues Verhalten, ein von christlichen Werten getragenes Handeln in der Welt möglich wird.

 

» zurück zur Übersicht

Höhle in den USAPilgerndes PaarGeöffnete Tür - Blick ins WeiteWaldlichtungAuf dem Jakobsweg