Aufforderung zum Optimismus

Gedanken zum Schwerpunktthema 04 "Glaube wirkt. – Auf der Suche nach Sinn und Gemeinsinn" von Reiner App Der Journalist, der in der Politischen Redaktion des Reutlinger Generalanzeigers tätig ist, gehört dem Vorstand des Bildungswerks an.

„Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ich's, weil es Wahrheit ist: Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissner wäre wie die Deutschen“, klagt Friedrich Hölderlins Hyperion. Wir lesen es, als wär's ein Zeugnis unserer Gegenwart. Empfand damals, vor über zweihundert Jahren, laut dem Zeugnis des Klassikers eine Mehrheit „das Leben schal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht“, so fasst heute eine Gallup-Umfrage denselben Befund in nüchterne Zahlenwerte: Nur dreizehn Prozent der Deutschen blicken mit Optimismus in die Zukunft. Ganz offensichtlich ist das Glauben an die eigene Fähigkeit zur Problemlösung und die Gestaltungskräfte der Gesellschaft hier zu Lande eine rare Kunst. Tausende von Negativ-Meldungen über Arbeitslosigkeit, berstende Sozialsysteme und Firmenpleiten – die Belege für Niedergang und Hoffnungslosigkeit scheinen sich Tag für Tag immer höher aufzutürmen. Umgekehrt ist das Vertrauen zum knappen Gut geworden. Eine Skepsis mit durchaus sehr persönlichen Folgen: Jeder fünfte Deutsche leidet im Laufe seines Lebens einmal oder öfter an einer psychischen Störung. Mehr als zehntausend Menschen begehen jährlich Selbstmord. Forscher schätzen, dass die Depression bei Frauen mehr Schäden anrichtet als jede andere Krankheit. Kein Wunder, dass in dieser Flut von Negativität fieberhaft nach einem wirksamen Gegenmittel gesucht wird. Positives Denken, Wellness, Fitness sind die meist kurzfristig ausgelebten Modetrends der Gegenwart. Eine Entwicklung, die alles andere als beklagenswert ist – aber kein dauerhaftes Ziel für die von vielen gefühlte Sehnsucht zu bieten vermag. Dafür gibt es sogar handfeste wissenschaftliche Gründe: Die moderne Neuropsychologie hat vor kurzem herausgefunden, dass wirkliches Glück gerade nicht im Augenblick zu finden ist, sondern das Ergebnis einer langfristigen und in die Tiefe zielenden Anstrengung ist. Verkündet wird diese Erkenntnis jedoch bereits seit zweitausend Jahren: „Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun, denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist“, mahnt Paulus (Gal 6,9). Die Frohe Botschaft trägt das Glücksversprechen im Namen und der Glaube ist Bedingung für die Erfüllung dieses Versprechens. „Ihr müsst Glauben an Gott haben“(Mk 11,22), verlangt Jesus von seinen Jüngern – um uns dann die größtmögliche Zusage zu machen: „Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil“ (Mk 11,24). In diesem Wort liegt das einzige Rezept für die Krise des Vertrauens, die wir erleben: Wo der Glaube fehlt, hilft nur die Rückbesinnung auf ihn selbst. Dieser Glaube, der Berge zu versetzen vermag, ist ein Kraftakt. Gelingen kann er nur durch ausdauernde Übung in Konzentration. Eine Erkenntnis, die im Kirchenalltag jedoch allzu oft in Vergessenheit gerät. „Der Glaubensmut und die Fähigkeit, die Glaubenswirklichkeit existentiell zu realisieren, werden heute mehr denn je davon abhängen, dass der Glaubensinhalt nicht als eine riesige, fast unübersehbare Summe von Sätzen gesehen wird“, warnt Karl Rahner. Der Kirchenglaube wird oftmals als ein Für-wahr-Halten einer von oben herab verordneten Wahrheit begriffen. Ein Konzept, das in einer pluralen Gesellschaft nicht funktionieren kann. Die repräsentative Umfrage Perspektive Deutschland hat ermittelt, dass über 45 Prozent der Deutschen kein Vertrauen mehr zur Katholischen Kirche haben und über 38 Prozent bei ihr einen dringenden Verbesserungsbedarf sehen. Das ist vor allem ein überwältigender Ausdruck von Enttäuschung. Denn gleichzeitig plädieren 56 Prozent dafür, dass christliche Wertvorstellungen eine wichtige Rolle bei der Lösung der als gravierend empfundenen gesellschaftlichen Probleme haben sollen. Richtig verstandene Glaubensbildung wirft Fragen auf, öffnet Räume, um im – zugegebenermaßen anstrengenden und unbequemen - Dialog Antworten zu suchen. Unsere Kirche ist katholisch, das heißt umfassend auch in dem Sinne, dass sie tolerant sein muss, ohne die Wahrheit preiszugeben. Es muss ihr auf den Einzelnen ankommen. Jeder muss die Chance erhalten, seine individuelle Glaubensarbeit in die Gemeinschaft der Kirche einzubringen und dort weiterzuentwickeln. Könnte die Kirche nicht auch deswegen ständig an Attraktivität einbüßen, weil sie sich, je mehr die Gesellschaft dem Individualismus verfällt, desto mehr einer anspruchsvollen Auseinandersetzung mit dem Individualismus zu verweigern droht? Die Gesellschaft ist in Bewegung, das Verhältnis von Jung und Alt, von Einzelstaat und Weltgemeinschaft verändert sich ständig in der globalisierten Welt. Auf die Frage, wo die Grenze von Eigenverantwortung und Eigennutz beginnt, kann es deswegen keine statische Antwort geben. Doch gerade Kirchenkreise tun sich mit dieser Erkenntnis schwer. Die Zeiten werden härter, die Menschen egoistischer, heißt es pauschal abwertend und zugleich resigniert - als hätte es nie die berühmte Subsidiaritätslehre gegeben, die auf der Glaubensüberzeugung fußt, dass der Mensch auf Freiheit hin angelegt ist („Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, Gal 5,1). Die katholischen Bischöfe haben mit einem Impulspapier zu einem „neuen sozialen Denken“ aufgefordert. Damit ist ein Anfang gesetzt. Doch der Versuch, die bewährte katholische Sozialethik neu zu übersetzen, erntete harsche Kritik. Die Besitzstände sind uns allen lieb geworden, das Umdenken erweist sich als schwer. Doch das sollte uns nicht entmutigen. Selbstverständlich ist es richtig, angesichts der Krise der Sozialsysteme auf die Gefahren einer Entsolidarisierung hinzuweisen. Wenn wir aber in der unabwendbaren Veränderung lediglich den Verlust einer dem Staat anvertrauten Fürsorge sehen und keine Chancen für einen Neubeginn erkennen, dann wird erst recht soziale Kälte die Folge sein. Denn Solidarität entfaltet sich dauerhaft nur dort, wo ihre Triebfeder erkennbar bleibt: die Nächstenliebe, die Freiwilligkeit voraussetzt. Wer es wagt, mehr Eigenverantwortung und Engagement einzufordern, redet deshalb keineswegs zwangsläufig einem kalten Neoliberalismus das Wort. Mehr Freiheit führt nur dann zu mehr Egoismus, wenn einer Gesellschaft das christliche Wissen verloren geht, dass individuelles und kollektives Glück sich nicht entgegenstehen, sondern gegenseitig bedingen. Unser Glaube sollte uns das Vertrauen verleihen, in ihm die Suche nach Sinn und die nach Gemeinsinn zu bündeln und aus ihm heraus Modelle des Zusammenlebens zu entwickeln, die dem veränderten Spannungsverhältnis von Individuum und Gemeinschaft standhalten. Kirche kann nicht die Rolle der Politik übernehmen. Aber sie hat die Pflicht, ihre Auffassung des Zusammenlebens in die öffentliche Debatte einzubringen. Glaubwürdig tun kann sie dies nur, wenn sie diese Debatte zuvor selbst nach den freiheitlichen Grundsätzen ihrer Soziallehre geführt hat. Dann allerdings wird sie einen Beitrag leisten, der das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft – und der Kirche – stärkt.

 

» zurück zur Übersicht Archiv

Höhle in den USAPilgerndes PaarGeöffnete Tür - Blick ins WeiteWaldlichtungAuf dem Jakobsweg