Die Liebe ist ein unendliches Kraftfeld.

Gedanken zum KBW-Schwerpunktthema 2008 von Paul Schlegl Der Autor ist Dipl. Pädagoge, Dipl. Sozialpädagoge, Organisationsberater und Leiter des Kath. Bildungswerks RT.

Eine Filmszene. Er sagt: „Mit dem Tod ist alles aus. Der Körper stirbt. Die Seele stirbt. Fini.“ Sie erwidert: „Die Liebe ist stärker als der Tod.“
Dass die Endlichkeit und die Grenzerfahrung unser Leben kennzeichnen, gehört zu den Realitäten, mit denen wir uns auseinander zu setzen haben. Und gleichzeitig erfahren wir, dass sich die Liebe immer und immer wieder als die Kraft erweist, die weiterführt, die überwindet, die einen (Neu)Anfang ermöglicht. Sie ist die Energie und die Macht, die echte und lebendige Begegnung zwischen Menschen provoziert und zulässt – mit Stärken und Schwächen, Sicherheit und Zweifel.
Angefangen vom Prickeln und Knistern erotischer Liebe und Zweisamkeit, über den zärtlichen und sensiblen Umgang im täglichen Miteinander bis hin zur liebevollen Zuwendung zu Kranken und zum leidenschaftlichen Kampf an der Seite von Unterdrückten und Benachteiligten kann sie zu solcher Intensität im Leben führen, dass Grenzen und Tode gesprengt werden.

Liebe wächst durch Bewusstseinstraining.
„Die Gefahr beim Hassen ist: Wenn man erst mal damit angefangen hat, kriegt man hundertmal mehr, als man wollte. Wenn man damit angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören“, so der amerikanische Autor Philip Roth in seinem Roman „Der menschliche Makel“. Hass zernagt nicht nur die Seele einzelner. Ganze Gruppen, Milieus und Gesellschaften können in den Abwärtssog der Missgunst und Herzenskälte geraten. Schnell fallen einem Bilder ein, in denen radikal auf Fremdes eingedroschen wird.
Die Nachrichten informieren über viele Variationen, die kalte Schulter zu zeigen. Dass immer mehr Menschen – besonders auch Kinder – verarmen und dass gleichzeitig einige Ultrareiche den Hals nicht voll kriegen und das Maß verlieren: solche und andere Beispiele zeugen vom unsozialen Geiz-ist-geil-Feeling in der Gegenwart.

„Wenn die Dinge sich dreh’n, stirbt das Babylon-System“, singt Xavier Naidoo und ermutigt, Intoleranz und Egoismus zu überwinden.
Dem anderen soll’s gut gehen ... Ihr mit Wohlwollen begegnen ... – Bestimmte Geisteshaltungen sind Liebeshaltungen.
Zum Christentum gehört zentral die Liebe. Gott ist Liebe. Er ist leidenschaftlicher Liebhaber des Menschen. Jesus ging radikal den Weg der Liebe und machte auch nicht Halt vor dem Kreuz, vertraute darauf, dass die Liebe stärker ist als der Tod. „Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr lieben.“ (Joh. 13,34) In seiner Praxis lenkt Franziskus, der die Freiheit hatte, ohne Eigentum und materielle Güter zu leben und der in seinem Sonnengesang eine intensive Bruder-Schwester-Beziehung zur Schöpfung ausdrückt, die Aufmerksamkeit vom Geliebtwerden hin zum Lieben: „Herr, lass mich mehr danach trachten zu trösten, als Trost zu finden, zu verstehen, als Verständnis zu finden, zu lieben, als Liebe zu finden.“ (Friedensgebet des F.)

Liebe ist dynamisch. Sie ist ein Kraftfeld.
„Liebe und tue was Du willst“. Der bekannte Satz des Augustinus unterscheidet sich klar von den Liebesschnulzen der Unterhaltungsindustrie. Wenn die Liebe in die Mitte des Denkens und Handelns rückt, geht von ihr immense Kraft aus, kann sie die Welt verändern. Liebe kann nicht an die Leine genommen werden. Sie fügt sich nicht, sie beugt sich nicht. Sie ist prinzipiell verdächtig. Jesus wurde auch deswegen getötet, weil der Mensch für ihn im Mittelpunkt stand und er deshalb das Gesetz übertrat. (Ährenbrechen am Sabbat). Für Sicherheit und Ordnung ist Liebe immer provokant und gefährlich.
Liebespaare wissen am besten wie dynamisch Liebe ist, wie durch sie Neues entsteht. Und Neues, Friedliches entstand in vielen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, in denen die politische Dimension der Liebe wichtiges Kraftfeld war: Die Anti-Apartheit-Bewegung in Südafrika, die Bewegung der Schwarzen in den USA, die Friedensbewegung, die Frauenbewegung, die sanfte Revolution in Osteuropa usw. „We shall overcome“ war der visionäre Song der Schwarzen in Amerika, dessen Power noch bis heute ausstrahlt.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Lernen und Handeln.
Erich Kästners Feststellung verdeutlicht, dass Theorie und Praxis, Lernen und Handeln zusammen gehören. Manch einer fängt beim praktischen Tun an und vertieft dieses in der Reflexion und in der Wissenserweiterung. Andere machen es genau anders herum und beschäftigen sich zunächst mit Geistes-Geschichte, mit den Wissenschaften usw. Zur Kraftfeld-Liebe-Thematik gehört jedoch besonders die Nähe zu anderen Menschen. Gemeinsame Lernorte und Treffpunkte bieten wertvolle Möglichkeiten, anders zu sehen, anders zu werten – als es verbreitet ist – und sich gegenseitig darin zu ermutigen.
Dazu ein Gedanke des ungarisch-jüdischen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Imre Kertèsz aus seinem „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“: „Gebt jetzt gut acht, denn das wirklich Irrationale und tatsächlich Unerklärbare ist nicht das Böse, im Gegenteil: es ist das Gute. Gerade deshalb interessieren mich schon lange nicht die Führer, Reichkanzler und sonstigen Titularusurpatoren, wie viel Interessantes ihr auch über ihr Seelenleben erzählen könnt, nein, statt des Lebens von Diktatoren interessiert mich schon lange einzig noch das Leben der Heiligen, denn das finde ich interessant und unfassbar, dafür finde ich keine bloß rationale Erklärung.“

 

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