„Wahrer Adel ist nicht in einem isolierten Wesen.“

Gedanken über Freiheit, Bindung und Zusammenhalt finden Anmerkungen von Thomas Gutknecht. Der Autor ist Theologe und Philosoph, Leiter der Philosophischen Praxis Logos-Institut und Präsident der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis.

Freiheit heißt das Zauberwort der Gegenwart und in der Tat ist Befreiung ein roter Faden in der Menschheitsgeschichte. Doch noch immer nicht wird Freiheit als Bindung gestaltet, sondern allein als Emanzipation, Loslösung aus Zusammenhängen. Mehr und mehr tritt die Spannung zutage, dass der Mensch Einzel- und zugleich Sozialwesen ist. Die Menschen möchten vielleicht zusammenrücken, aber sie lernen schwer, sich nahe zu sein, ohne sich zu verletzten und ebenso wenig, ganz für sich sein zu können, ohne dabei andere zu vergessen. Was vermag den Zusammenhalt der Menschen stiften und kräftigen? Welche sozialen Bänder sind vereinbar mit der Freiheit und der Bestimmung des Menschen als Individuen? Denn bloße Nestwärme oder kollektive (traditionale) Identität von einzelnen Gruppen um den Preis der Freiheit und jenseits universaler Geschwisterlichkeit wäre ja kein erstrebenswertes Ziel. Einer der Weisen des Altertums, Heraklit, sagte: „Jeder ist für sich allein im Schlaf, aber wachend folgen wir dem Logos und bauen mit ihm an der gemeinschaftlichen Welt.“ Diesem Gemeinschaftlichen sollten wir folgen. Der Logos kann verbinden. Denn der Logos ist es auch, nach dem alles geschieht, wenn wir hoffen, dass der Welt ein Sinn zugrunde liegt. Was aber heißt „Logos“? Karl Jaspers fasst das kurz und bündig in den Satz: „Vernunft verbindet, bloßes Dasein trennt“. Logos bedeutet eine Vernünftigkeit, die sich in Wort und Antwort vollzieht und schließlich in Verantwortlichkeit gipfelt. Zusammenhalt gibt es nur dort, wo man Verantwortung übt. Zusammenhalt entsteht, wo man sich die Angelegenheiten anderer, wenn nicht zueigen macht, so doch wenigstens auch sich angelegen sein lässt; das heißt: sich kümmert, zumindest nicht wegsieht. Nichts wissen, nichts hören und nichts sehen wollen, was andere betrifft, ist die eigentliche „Sünde“, das Böse. Das Wort Sünde steht ja in Zusammenhang mit Sund, Sonderheit, sich absondern, besonders usw. Das Gegenteil dazu ist die Communio, die Verbundenheit. Kommunikation ist das Mindeste an Verbindung, aus der Verbindlichkeit entstehen kann. Karl Jaspers hat sehr eindrückliche Worte über das Bildungsziel einer verbindlich handelnden Persönlichkeit gefunden, wenn er schreibt: „Wahrer Adel ist nicht in einem isolierten Wesen. Er ist in der Verbundenheit der eigenständigen Menschen. Sie kennen die Verpflichtung, stets auszuschauen nacheinander, sich zu fördern, wo sie sich begegnen, und bereit zu sein zur Kommunikation, wartend ohne Zudringlichkeit. Ohne Verabredung kennen sie eine Treue des Zusammenhaltens, die stärker ist als Verabredung [Vorschriften, Gesetze, T.G.]. Diese Solidarität erstreckt sich noch auf den Feind, wenn Selbstsein mit Selbstsein zu echter Gegnerschaft kommt. Es verwirklicht sich, was etwa in politischen Parteien quer durch alle Trennungen die Solidarität der Besten sein könnte, die sich spürt, auch wenn es nicht zum Ausdruck kommt, weil kein Anlass ist oder weil die Möglichkeit durch Situationen verbaut ist.“ Das ist ein hohes Ziel. Aber es kann doch die Richtung für unser Bemühen um Solidarität angeben, der Kompass dafür sein: „Wahrer Adel ist nicht in einem isolierten Wesen.“ Als stärkste Herausforderung für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft dürfte sich die demographische Entwicklung erweisen. Wieweit halten die Jungen zu den Alten? Die Leistungsfähigen zu den Kranken? Die Begüterten zu den sozial Benachteiligten? Hat das Einstehenwollen für den Nächsten Zukunft? Die Notwendigkeit dafür ist für jeden im Alltag erkennbar. Notwendig ist, die Auswirkungen des eigenen Handelns nicht nur im Licht der eigenen Interessen, sondern auch im Licht der Interessen anderer Betroffener und der Gesellschaft zu gewichten. Wenn der Zusammenhalt der Lebenden schon so gefährdet und brüchig ist, wie viel anspruchsvoller ist dann die Anerkennung der Rechte derer, die noch gar nicht geboren sind? Auch vor ihnen haben wir zu verantworten, ob sie einmal ordentliche Lebensbedingungen vorfinden, eine intakte Natur und eine gerechte Staatenordnung. Umweltzerstörung und Kriege kann ein Einzelner nicht alleine verhindern. Aber die Orientierung an der eigenen Vernunft, die Ausrichtung des eigenen Denkens auf das Ganze oder auch die Weigerung, falschen Freiheitsversprechen zu glauben – das ist jedem als Einzelnem möglich. Zusammenhalt unter vielen beginnt bei dem, was den einzelnen Menschen, jede und jeden selbst hält und zusammenhält. Ich kann mich da nur wiederholen: das ist der Logos, Kommunion im Logos, die Vernunft. Eine bessere Welt ist möglich, weil sie aus Vernunft (dem schöpferischen Wort Gottes) auf Vernunft (Wort und Geist Gottes) angelegt ist. Es liegt an jedem selbst, der Vernunft Geltung zu verschaffen, sich an sie zu halten und durch den Halt in ihr einen Zusammenhalt untereinander zu stiften.

 

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