Zusammenhalt finden – in einer „l(i)ebens-werten Gemeinde“

Voneinander lernen, miteinander gestalten, sich füreinander einsetzen Anmerkungen von PD Dr. Elisabeth Bubolz-Lutz (links im Bild) und von Annette Mörchen (rechts)

Die Individualisierungswelle der vergangenen Jahrzehnte hat an den Grundfesten menschlichen Daseins nichts verändern können: Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen – und dort wo Jung und Alt keinen Zugang zu menschlicher Gemeinschaft (mehr) haben, drohen im Extremfall „sozialer Tod“ und/ oder Amoklauf. Vielerorts wird denn auch nach neuen Formen menschlichen Zusammenhalts gesucht. Auf die Frage, was wir zu seiner Entwicklung beitragen können, gibt die folgende kleine Geschichte einen ersten Hinweis: Das Geschenk des Rabbi Die Parabel „Das Geschenk des Rabbi“ erzählt von einem Mönchsorden, der vom Aussterben bedroht ist. In seiner Not wendet sich der Abt an einen Rabbi und bittet ihn um Rat. Ins Kloster zurückgekehrt, klingt sein Bericht sehr deprimiert: "Der Rabbi weiß uns auch nicht zu helfen. Zum Abschied hat er gesagt, dass der Messias einer von uns ist. Keine Ahnung, was er damit sagen wollte.“ – In der Folge jedoch kommen den Mönchen die Worte des Rabbi immer wieder in den Sinn: „Der Messias ist einer von uns?!“ Sie beginnen, sich einander mit besonderer Aufmerksamkeit und großem Respekt zu begegnen. Die Menschen, die in die Nähe des Klosters kommen, um die Natur zu genießen, spüren eine ungekannte Anziehungskraft des Ortes. Einige bringen daraufhin Freunde mit – andere suchen das Gespräch mit den Brüdern und lassen sich dabei von der großen Ehrfurcht anstecken, mit der die Mönche einander wie auch den Fremden begegnen. Die neue Ausstrahlung, die von dem alten Kloster ausgeht, ist bald so stark, dass erst ein und dann immer mehr junge Männer sich dem Orden anschließen - bald immer mehr die Brüder fragen, ob sie bei den Mönchen bleiben dürfen. Die Gemeinschaft erlebt eine zweite Blüte … Sich mit (neuer) Wertschätzung begegnen … - dazu gibt der Hinweis des Rabbi den Anstoß. Einander hochachten, auf die Stärken, Erfahrungen und Potenziale schauen (die des Gegenübers wie die eigenen), Anerkennung und Lob spenden gehören zu den heute vielerorts vergessenen Tugenden. Die Geschichte wie die Erfahrung aus dem Alltag freilich lehren: Echte gegenseitige Wertschätzung ist einer der wichtigsten Schlüssel für Zusammenhalt und damit Zukunftsfähigkeit (in) einer lebendigen Gemeinschaft. Drei Schritte in Richtung (mehr) Zusammenhalt Ein erster Schritt in Richtung „Zusammenhalt finden“ könnte so ein Perspektivenwechsel sein, das Einüben von Wertschätzung als persönliche Grundhaltung der eigenen Lebenswelt gegenüber: „Die wahre Entdeckung besteht nicht im Finden von neuen Ufern, sondern im Sehen mit anderen Augen.“ (Marcel Proust) Ein zweiter Schritt dazu könnten gemeinsame Ziele und Visionen sein. In seinem berühmten Ferienlager-Experiment hat der Sozialpsychologe M. Sherif in den 1930er Jahren die große Bindekraft der Entwicklung gemeinsamer Werte und Ziele herausgefunden. In diese Reihe gehört auch die Motivationskraft geteilter Visionen: Sie alle schweißen eine Gruppe von Menschen zusammen und vermögen auch über Durststrecken und Krisensituationen hinwegzuhelfen. Der dritte Schritt ergibt sich aus den beiden ersten: Das miteinander Arbeiten an Aufgaben bzw. Projekten, die sich aus den gemeinsamen Werten, Zielen und Visionen ergeben – das Mitwirken an einem gemeinsamen Ganzen, mit dem es sich zu identifizieren und auf das es sich hinzuarbeiten lohnt. „Voneinander lernen, miteinander gestalten und sich füreinander einsetzen!“ – So oder ähnlich könnte denn auch das Leitmotiv einer „Projektwerkstatt“ lauten, in der das KBW Reutlingen interessierte Personen einlädt, neuen Zusammenhalt durch Zusammenwirken zu entwickeln. Unter dem Titel „L(i)ebens-wert! Lernort Gemeinde“ initiiert das KBW eine offene Projektwerkstatt. In Reutlingen – wie in bundesweit sechs anderen Standorten des Modellprojekts „lebens-wert? Lernort Gemeinde“ der Kath. Bundesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung – wird diese die Möglichkeit bieten, kleine zukunftsorientierte Projekte zu entwickeln und zu realisieren, die die eigene Gemeinde noch mehr „l(i)ebenswert“ machen. Die Projektwerkstatt bietet eine offene Plattform für „Wert-schätzung“ - die Entdeckung dessen, was jedem Einzelnen sich selbst und andere „wert-voll“ - das eigene Leben wie das der anderen „lebens-wert“ - macht. Sie gibt Möglichkeiten, sich mit anderen zusammenzutun, um gemeinsam über Werte nachzudenken, die über das Heute hinaus (neue/n) Halt und Orientierung geben. Hier wird Austausch angeregt über das, was den Einzelnen wichtig erscheint und lohnenswert, sich dafür einzusetzen. Das moderierte Forum bietet professionelle Unterstützung bei der gemeinsamen Entwicklung von Visionen, Zielen und konkreten Projektideen für eine „l(i)ebenswerte Gemeinde“ – und, bei Bedarf, auch bei der Umsetzung der Vorstellungen und Vorhaben. Wer, wenn nicht wir – wann, wenn nicht jetzt … Ob wir selbst und andere das Leben in unserer eigenen Gemeinde als lebenswert erfahren, ob wir hier Zusammenhalt und zusammen Halt finden, hängt letztlich auch von jedem Einzelnen von uns ab. Das KBW will deshalb mit seiner Projektwerkstatt und seinen weiteren Angeboten zum Thema ermutigen und dabei begleiten, sich auf den Weg zu machen, mit anderen zusammenzuwirken und die ersten Schritte in Richtung (mehr) Zusammenhalt zu gehen. Sie sind gefragt …: was Ihnen wichtig ist, Ihre Werte, Ziele und Visionen, Ihre Wunschvorstellungen von Zusammenhalt (in) einer l(i)ebenswerten Gemeinde – und Ihre Bereitschaft, sich dafür mit Kopf, Herz und Hand einzusetzen, denn (in Abwandlung eines Zitats von A. Keil): „Zukunft braucht … mehr als ein Dach über dem Kopf!“ Hinweis: Die beiden Autorinnen führen in das Schwerpunktthema 2007 „Zusammenhalt finden“ des KBW ein - als auch in das neue Bundesprojekt „lebens-wert? Lernort Gemeinde. Ansätze einer Bildung für nachhaltige Entwicklung“, an dem das Reutlinger Bildungswerk beteiligt ist. www.lernortgemeinde.de Elisabeth Bubolz-Lutz lehrt an der Universität Duisburg-Essen, ist Direktorin des Forschungsinstituts Geragogik (FoGera) und externe Expertin im bundesweiten KBE-Projekt "lebens-wert? Lernort Gemeinde". Arbeitsschwerpunkte: Geragogik, Didaktik der Erwachsenen- und Altersbildung, selbstbestimmtes Lernen. Annette Mörchen ist tätig in der Kath. Bundesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (KBE), Bonn und Leiterin des vom Bundesbildungsministerium geförderten Modellprojekts "lebens-wert? Lernort Gemeinde. Ansätze einer Bildung für nachhaltige Entwicklung". Arbeitsschwerkpunkte: Didaktik der Erwachsenen- und Altersbildung, Lernen in der Zivilgesellschaft, neue Lern-/ Lehrarrangements, selbstorganisiertes Lernen in Gruppen Die Originalquelle der Parabel „Das Geschenk des Rabbi“ ist leider nicht bekannt. Die vollständige Erzählung findet sich im Internet unter http://www.rheinisches-forum.de/assets/applets/Das_Geschenk_des_Rabbi.pdf

 

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