Unterscheiden … es lohnt sich!

Gedanken zum Schwerpunktthema 2018/2019 - von Dr. Stefan Meißner

Der Autor ist Referent und Pressesprecher in der Abteilung Schule und Bildung am Regierungspräsidium Tübingen, außerdem neu gewählter Vorsitzender der Katholischen Erwachsenenbildung Bildungswerk Kreis Reutlingen e.V.

Wenn ich ein paar freie Tage habe, mache ich mich gerne daran meinen Kleiderschrank auszumisten. Ich schaffe Platz für Neues. Wohin aber mit den alten Kleidern?

Zumeist krame ich dann den letzten dieser Merkzettel mit roter Schrift auf weißem Grund heraus, die regelmäßig bei mir im Briefkasten landen. Dort wird mir mitgeteilt, dass ich meine Kleider zur Abholung nur zum angegebenen Termin an den Fahrbahnrand vor meinem Haus zu stellen brauche, dann käme man vorbei und nähme sie mit.

Meistens möchte ich die Wäsche aber nicht noch tagelang in der Wohnung herumstehen haben und bringe sie dann noch am selben Tag zu einem der senfgelben Container der aktion hoffnung, die in Reutlingen und Umgebung an einer ganzen Reihe von Orten aufgestellt sind. Eine Unterscheidung, die sich nicht nur der sofortigen Erledigung wegen lohnt, denn während der Erlös der Straßensammlung in meiner Straße einem Wirtschaftsunternehmen zugutekommt, unterstütze ich durch meine Kleidergabe an die aktion hoffnung Entwicklungsprojekte in Afrika, Südamerika, Asien oder Osteuropa.

Die aktion hoffnung ist aus der Kritik an vielen unseriösen Geschäftspraktiken bei der Sammlung, Sortierung und Vermarktung von Kleidung entstanden. Auf dieser Grundlage sieht sie sich in besonderer Weise zur Einhaltung ethischer Kriterien verpflichtet. Wer Menschen in Afrika, Südamerika, Osteuropa und Asien helfen will, muss darauf achten, dass auf dem Weg dorthin nicht die Mitarbeiter, Spender, die Umwelt und damit die Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleiben. Die aktion hoffnung gestaltet und kontrolliert daher den Weg der Kleidung von der Sammlung bis zum Sortierbetrieb selbst. Sie arbeitet vorwiegend mit eigenen Angestellten und eigenen Lkw und setzt dabei auf ein Maximum an Arbeits- und Umweltschutz. Sie führt alle Sammlungen in eigener Verantwortung durch und kritisiert die Praxis zahlreicher gemeinnütziger Organisationen, ihren guten Namen zu Werbezwecken an gewerbliche Sammelfirmen zu verleihen oder zu verkaufen. Sie kritisiert die Praxis, ohne Genehmigungen Kleiderbehälter aufzustellen und mit irreführender Werbung zu sammeln. Sie kritisiert die Verschleierung gewerblicher Sammlungen mit gutklingenden Namen und Symbolen, um einen falschen Eindruck über den Zweck der Sammlung zu erwecken. Sie kritisiert den illegalen Export von Second Hand Kleidung in Länder, in die der Import verboten ist. Die aktion hoffnung hat sich im Dachverband FairWertung zum Verzicht des Namenskaufes verpflichtet, zur Ehrlichkeit in der Werbung und Kommunikation, zur Einhaltung aller zollrechtlichen Bestimmungen usw.

Was ist die entwicklungspolitisch, sozial und ökologisch sinnvollste Form des Umgangs mit Altkleidern? Anders als zu Zeiten des Heiligen Martin leiden Menschen heute nicht in erster Linie an einem Mangel an Kleidung. Der frierende Bettler damals vor den Toren der Stadt, das sind heute die Menschen vor den Toren Europas und Nordamerikas. Sie sind betroffen von HIV/AIDS, einer lückenhaften medizinischen Versorgung, unzureichenden Ausbildungsmöglichkeiten, Nahrungsmangel etc. Die notwendige Hilfe – wie der Aufbau von Schulen und Krankenstationen – kann nicht nur mit Hilfsgütertransporten geleistet werden. Deshalb wandelt aktion hoffnung die meisten Kleiderspenden in Geldspenden um. Einen kleinen Teil der Kleidung sortiert die aktion hoffnung selbst und verschickt ihn nach bestimmten Kriterien als materielle Unterstützung an Partner weltweit. Den weit größeren Teil der Kleidung verkauft die aktion hoffnung nach den Kriterien des Dachverbandes FairWertung e.V. an Sortierbetriebe, um mit den Erträgen Projektpartner weltweit finanziell zu unterstützen und die Eine Welt Bildungsarbeit in Deutschland zu finanzieren. So wird aus Kleidung Bildung auf den Philippinen, Frieden im Südsudan oder Gesundheit in Uganda.

Unterscheiden … es lohnt sich! Was dient dem Leben und was nicht? Was erschließt Zukunft und was nicht? Was fördert das Miteinander, lokal und global, und was nicht? Was bewahrt die Schöpfung und was nicht?

Das Thema Umgang mit Altkleidern ist nur eines von vielen möglichen. Ich hätte auch von Plastikverpackungen, E-Mobilität oder Lebensmittelpreisen schreiben können. Immer geht es um wertbezogene Haltungen bei uns Verbrauchern. Die Standorte der Kleiderbehälter von aktion hoffnung können Sie übrigens unter www.aktion-hoffnung.org im Netz abfragen. Oder telefonisch unter 0711/9791-235.

 

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