Unterscheiden … - damit sich etwas dreht.

Gedanken zum aktuellen Schwerpunktthema - von Paul Schlegl

Der Autor ist Dipl. Pädagoge, Dipl. Sozialpädagoge, Organisationsberater und Leiter des KEB-Bildungswerks RT

Wem kann man glauben und wem nicht? Diese Frage treibt einen um, wenn man die täglichen Nachrichten aufnimmt, aber auch wenn man vor einem Kauf steht und sich mit verschiedenen Angeboten befasst. Vielstimmigkeit gehört zu unserer demokratischen Kultur. Erst die Presse- und Meinungsfreiheit, die in manchen Ländern bedroht ist, ermöglicht Prozesse, die gute Ergebnisse hervorbringen. Verstärkt wurde der vielstimmige Chor durch die sozialen Medien, der einerseits als „Basiskommunikation“ die Demokratie stärkt und sie andererseits bedroht. Denn die Fake-News-Unkultur – von Trump bis zur AFD – vergiftet unser Miteinander. Wo die Hetze sich breit macht leidet die Menschlichkeit.

Gesellschaftliche Herausforderungen

Schlüsselfragen zur gesellschaftlichen Zukunft - Umwelt, Sozialstaat, Migration, Mobilität, Europa, Bildung, Wirtschaftsformen, Gesundheit/ Pflege, Wohnen, Digitalisierung usw. - fordern in vielfältiger Weise heraus, und es wird deutlich, auch durch Wahlergebnisse, dass den derzeitigen politischen Akteuren häufig nicht so recht zugetraut wird, diese gut zu lösen. Und auch die sog. Eliten in der Wirtschafts- und Finanzwelt fallen häufig durch egoistisch technokratisches Denken und emotionale Kälte auf. Vermisst werden Empathie und Verantwortlichkeit. Die Aufgaben den politischen Demagogen und Bauernfängern zu übertragen, die vorgeben, im Namen „des Volkes“ zu sprechen, kann als „Alternative“ ja nicht die Lösung sein. Neue Wege sind auszukundschaften, damit mehr Menschen mit kreativem und humanem Potential, die vielleicht nicht immer lautstark sind, an die Spitzen der Politik, Wirtschaft und Institutionen gelangen können.

Kirche in heftigen Turbulenzen

In dieser zugespitzten gesellschaftlichen Situation ist die Kirche besonders gefragt, denn Sie kann Werte und Weisheit einbringen und Orientierung geben. Doch sie ist in eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise gestürzt, hat die Hürden zu hoch gelegt, über die sie oft selbst nicht zu springen vermag. Sie ist vielfach mit sich selbst beschäftigt, während die Menschen sich massenhaft von ihr abwenden. Die Zahlen sprechen für sich. Das Prinzip „Be the change you wish to see in the world“ (Mahatma Ghandi) greift nicht mehr.

Deshalb an dieser Stelle ein paar Gedanken zur katholischen Kirche unter dem Stichwort „Unterscheiden …“:

Der Missbrauchsskandal ist nur ein Teil der Kirchenkrise. Er gehört solide aufgearbeitet, aber allein dies wird nicht reichen. Zu massiv lasten die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte, in denen die Probleme zwischen Rechthaberei, Dickköpfigkeit und Überforderung verschleppt wurden.

Die katholische Kirche ist mit ihrer feudalklerikalen Männerstruktur nicht mehr anschlussfähig an die heutige Zeit. Anstatt zu motivieren und zu beteiligen wird ausgegrenzt: Laien, Frauen, Geschiedene, Christen anderer Kirchen, Homosexuelle usw.
Ein kleines Beispiel, das im vergangenen Herbst kaum Schlagzeilen machte: Papst Franziskus versetzte einen chilenischen klerikalen Kinderschänder zur Strafe in den Laienstand. Ja Herrschaftszeiten: Was heißt das für die Laien? Zeigt sich so ihr Stellenwert?

„Möglichkeit, einen Sinn zu finden:
Durch die risse des glaubens schimmert/ das nichts/ Doch schon der kiesel/ nimmt die wärme an/ der hand“ (Reiner Kunze)

Das kirchlich gestaltete Christentum wird sich neu erfinden müssen. Zu groß sind die Verwerfungen. Und eine Religion, in der es um das Geheimnis des Lebens, um die Ehrfurcht vor der Schöpfung und um die Hinwendung zum Menschen geht, kann nicht auf diese Art verwaltet werden. Mehr Pluralität ist angesagt. In einem partnerschaftlichen Klärungsprozesse sollte unterschieden werden, was zum Kern der christlich-jüdischen Botschaft gehört und was interessensgeleitet dazugekommen ist und deshalb verändert oder abgeschafft werden kann – Positionen, Strukturen, Brauchtum. Dabei wird sich auch zeigen, was wichtig und wertvoll ist, woran die Herzen hängen. Seit langem ist unübersehbar, dass die Gremien allein den kirchlichen Reformstau nicht bewältigen. Aktionen des zivilen Ungehorsams werden hinzukommen müssen.

„Gott spricht die Sprache der Tatsachen/ oft ungereimt/ und unsere bare Münze/ ist wie man sagt/ Blut/ das heißt Hirnschmalz Nerven Kraft Jugend Glaube und Mut.“ (Johannes Heinrichs)

Die Geschichte geht ihren Gang, und die Möglichkeiten, sie zu beeinflussen sind zumeist gering. Auch können Urteile falsch sein. Doch diese Realität schenkt Gelassenheit, ehrlich und gut gemeint zu versuchen, Dinge beim Namen zu nennen, damit sich vielleicht etwas ein kleines bisschen drehen kann.

 

 

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