Vertrauens-voll lernen – Zutrauen entwickeln

Anmerkungen von Dr. Norbert Vogel. Der Autor ist Professor für Erwachsenenbildung/Weiterbilung an der Universität Tübingen und Mitglied im Vorstand des Bildungswerks der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V.

„Da trau ich mich was.“ – Wenn wir so reden, schwingt Doppeldeutiges mit. Vielleicht offenbart sich ein mulmiges Gefühl, wissen wir doch nicht genau, wie die Sache ausgeht, auf die wir uns da gerade einlassen. Möglicherweise kommen aber auch Selbstvertrauen und der Wunsch nach Selbstbestätigung durch: „Wäre doch gelacht, ich werde das schon schaffen!“ Vertrauen in die Potentiale der Menschen „Wenn ich ... auf die Fähigkeit des Individuums vertraue, sein eigenes Potential zu entwickeln, dann kann ich ihm viele Möglichkeiten anbieten, seinen eigenen Lernweg und seine eigene Richtung zu bestimmen“. Dieser pädagogisch-programmatische Satz stammt von Carl Rogers, dem prominenten Vertreter der Humanistischen Psychologie und Pädagogik. Anknüpfend an Erfahrungen, die wir selbst auch immer wieder machen können, vertraut Rogers darauf, dass jeder Mensch die Potentiale zur Bewältigung des Alltags, zur Lösung von Problemen in sich trägt. Dieser Leit-Satz lehrt uns: Kinder, die uns an-vertraut sind, Jugendliche und Erwachsene, die wir auf ihrer Suche vertrauens-voll unterstützen, brauchen die Erfahrung, dass wir sie auf ihrem persönlichen Lernweg ernst nehmen. Konkret heißt dies, genau(er) hinzuhören, sich in den anderen hineinzuversetzen und sich selbst zunächst einmal zurückzunehmen. Orientierung, die wir anbieten, scheint genau dann besonders hilfreich zu sein, wenn sie getragen wird vom Zutrauen in die Entwicklungs- und Wachstumspotentiale des Anderen. Diese immer wieder neu anzuregen und mit förderlichen Impulsen zu versehen, mithin Möglichkeiten für ein lebendiges Wachstum zu schaffen, ist und bleibt unsere Aufgabe als Akteure in Erziehung und Bildung. Vertrauens-volles Lernklima Wie sieht ein vertrauens-volles Lernklima, in dem Menschen sich etwas zutrauen, aus? Rogers bringt dies auf die drei Begriffe Akzeptanz, Empathie und Kongruenz: Akzeptanz zeigen heißt, Lernende – Kinder, Jugendliche wie Erwachsene – als eigenständige, entwicklungsfähige Persönlichkeiten anzuerkennen und ihnen, ihren Gefühlen und ihren Meinungen Wertschätzung entgegenzubringen. Wenn wir ihnen vermitteln können, dass sie für uns wert-voll sind, können wir ihnen helfen, ihre eigenen Werte zu entwickeln und zu leben. Empathie oder einfühlendes Verständnis machen deutlich, dass man versteht oder zu verstehen sucht, wie es unserem Gegenüber geht, wie er oder sie sich fühlt. Damit entstehen Möglichkeiten, sich zu öffnen, für Neues und neue Lösungen offen zu werden – weiterzugehen. Kongruenz bedeutet, sich im Umgang mit anderen als authentische Person und nicht (nur) als Rollenträger (Mutter, Vater, Lehrer/-in, Vorgesetzte/-r etc.) zu zeigen. Damit signalisieren wir: Wir nehmen uns selbst ernst und bringen uns mit unserer ganzen Person und mit unserer jeweiligen Befindlichkeit in den Verständigungsprozess mit anderen ein. Wenn wir so wahr-genommen werden, werden im lernenden Miteinander tieferes Verstehen füreinander und wechselseitige Anregung gefördert. Vertrauens-volle Erwachsenenbildung Eine so verstandene vertrauens-volle Erwachsenenbildung schafft offene Räume für individuelle Lern- und Bildungswege. Sie sorgt für ein Klima, in dem Vertrauen gelebt und Aufbruch gewagt werden kann. Sie fordert dazu auf, sich auf die ureigenen Potentiale zu besinnen und damit persönlichkeitsentfaltende Kräfte freizusetzen. Sie bietet Orientierung, aber im Respekt vor der Persönlichkeit und Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen. Als kirchliche Erwachsenenbildung „schauen (wir) über die Grenzen unserer eigenen Interessen und Deutungen hinaus. Toleranz und gegenseitige Wertschätzung sind Maßstab unseres Handelns“. Diese vom Bildungswerk der Diözese Rottenburg-Stuttgart formulierten Leitsätze pointieren eine hohe Wertschätzung von Individualität und Eigen-Sinn. Zugleich wird deutlich: Offene Erwachsenen-Bildung lebt vom vertrauens-vollen Dialog. Dazu ganz herzliche Einladung!

 

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