Woran erkennen wir uns, und wie erfahren wir uns zugehörig?

Gedanken zum Schwerpunktthema 2017/ 2018 - von Maria Dombrowsky

Die Autorin ist Diplom Pädagogin und im KEB-Bildungswerk als hauptamtliche Bildungsreferentin und Dekanats-Familienbeauftrage tätig.

Ungefragt betreten wir mit unserer Geburt die "Bühne unseres Lebens“. Wir finden uns vor und sehen uns ausgesetzt, ins Unbekannte „geworfen“. Wir erkennen uns selbst erst durch die Anerkennung, die Resonanz unseres Gegenübers.
Wir betreten als Gemeinschaftswesen diese Welt, ehe wir unserer selbst gewahr werden. Wir sind nur überlebensfähig durch die Wir-Erfahrung mit unseren engsten Bezugspersonen, und uns angeboren ist Hilfsbereitschaft gegenüber anderen, was zahlreiche Forschungen belegen. Kinder wollen dazugehören, sie wollen sich geliebt fühlen, wichtig sein und Bedeutung haben. Sie wollen sich fähig fühlen und Einfluss nehmen, sich geborgen und sicher fühlen, anerkannt sein und dazugehören. Auf diese Grundbedürfnisse verweist der Elternkurs „KESS erziehen“, den wir Eltern als Unterstützung für die Kindererziehung anbieten.
Das Bedürfnis nach Anerkennung und der Wunsch, dazuzugehören begleitet uns durch unser ganzes Leben. Dabei befallen uns aber immer auch Ängste angesichts der Konfrontation mit dem unheilen Zustand der Welt. Wir müssen uns mit ihrer „Gebrochenheit“ auseinandersetzen, heute mehr denn je, angesichts vieler globaler Probleme. Heinz Bude spricht davon, dass die moderne Angst eine Begleiterscheinung des „Zitterns der Freiheit“ ist. Es ist immer unsicher, ob das, was mir wichtig ist, auch bei meinen Mitmenschen Anerkennung findet. Unser Umfeld wird zunehmend pluralistischer und individualistischer, die „Inseln der Sicherheit“ werden immer mehr subjektiviert, die öffentlichen Instanzen vermitteln immer weniger an empfundener Sicherheit und Verlässlichkeit.
Wenig hilfreich ist, unsere Ängste zu verleugnen und deren angstauslösende Situationen. Wir sollten vor allem denen nicht glauben, die behaupten, sie hätten die einfachen Lösungen, angstfreie Verhältnisse zu schaffen. Es geht nur über den Weg, problematische Gegebenheiten anzuerkennen und nach einem konstruktiven Umgang damit zu suchen. Zur Bewältigung unserer Ängste sind wir auf ein Gegenüber angewiesen, welches uns versteht, zuhört, tröstet und begleitet. Zum anderen brauchen wir die Hoffnung, dass „die Welt, so wie sie ist, nicht das letzte Wort über die Welt ist. Hoffnung bedeutet, dass man es sich als eine Gesellschaft erlauben kann, eine Vorläufigkeit des Gegebenen zu denken. Die Welt rückt immer näher zueinander durch Handel und Digitalisierung, wir brauchen eine neue Solidarität untereinander, das gelebte Wissen, dass wir alle „dazugehören“ zu dieser Spezies, die sich diesen einen Planeten denken.“ (Heinz Bude).

Viele Gruppen und Initiativen sind bereits auf der Suche nach solchen Möglichkeiten des gemeinsamen Denkens. Sie stehen jedoch nicht an erster Stelle in den Schlagzeilen, die täglich auf uns einprasseln. Um nur 3 Beispiele zu nennen:
2007 gründete der 9jährige Felix Finkbeiner die Schülerinitiative „Plant-for-the-Planet“. Er ließ sich von Wangari Maathai inspirieren, die in Afrika in 30 Jahren 30 Millionen Bäume gepflanzt hat. Sein Ziel ist es, 1 Billion Bäume zu pflanzen. Für das Anliegen des Klimaschutzes trat er 2011 sogar vor den Vereinten Nationen auf. Inzwischen sind bereits mehr als 15 Milliarden Bäume gepflanzt.
Mit der Suche nach konstruktiven Handlungsmöglichkeiten für bestehende Probleme beschäftigt sich „Perspective Daily“. Es ist ein Online-Medium, über eine Crowdfunding-Aktion 2016 gegründet, welches zur internationalen Bewegung des Konstruktiven Journalismus gehört. Täglich gibt es nur einen Artikel, der nicht nur über Probleme berichtet, sondern auch Handlungsmöglichkeiten und Lösungsansätze diskutiert.
Das dritte Beispiel ist die in Schweden gegründete Initiative #ichbinhier. Sie kämpft in den Sozialen Netzwerken des Internets gegen Hasstiraden, Hetze, Rassismus und Lügen. Sie wurde für ihr ehrenamtliches Engagement im Sommer 2017 mit dem „Grimme Online Award“ in der Kategorie „Spezial“ ausgezeichnet.
Solche und viele weitere Initiativen verweisen auf die uns gegebenen Handlungsmöglichkeiten. Es sind lebendige Netzwerke, die unsere Welt als lebenswerten Ort zu gestalten versuchen. Sie verweisen auf die Hoffnung, die jenseits allen Machbaren erscheint. Mögen Sie bei uns und in den Veranstaltungen unserer zahlreichen Kooperationspartner solche Orte finden, die Sie ermutigen, Lösungsansätze für die Probleme unserer Zeit zu entwickeln, die für Sie und andere ein „Anerkennen“ und „Dazugehören“ ermöglichen.
„Das Reden über Probleme schafft Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen.“ Steve de Shazer

 

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