anerkennen + dazugehören

Impulsgedanken zum Schwerpunktthema 2017/ 2018  -  von Bernhard Bosold

Der Autor ist Schuldirektor i.R. und ehrenamtlicher Vorsitzender des KEB-Bildungswerks Kreis Reutlingen.

Schmerz, nicht dazuzugehören
Es tut weh, nicht dazuzugehören. Einsamkeit schmerzt. Fehlende Anerkennung stürzt uns in Selbstzweifel und lässt uns verstummen. Die jüdische Philosophin und Mystikerin Simone Weil formulierte das so: „Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele. Ein menschliches Wesen hat eine Wurzel durch seine wirkliche aktive und natürliche Teilhabe an einer Gemeinschaft, die gewisse Schätze der Vergangenheit und gewisse Ahnungen des Zukünftigen lebendig erhält. Jedes menschliche Wesen bedarf einer Vielzahl solcher Wurzeln.“
Lebendig fühlen wir uns nur dann, wenn wir dazugehören. Wenn wir Teil einer Gemeinschaft sind. Wenn wir Schätze der Vergangenheit finden und entdecken. Wenn wir unsere Ahnungen und unsere Begeisterung mit anderen teilen können. Wenn wir nicht dazugehören, nirgendwo dazugehören, bleiben wir einsam und stumm. Weil unser Selbstbewusstsein und unser Selbstwertgefühl betroffen sind, ist es ein großer Schmerz, wenn wir die Erfahrung machen: Ich gehöre nicht dazu.

  • Jugendliche machen diese Erfahrung, wenn sie in ihrem sozialen Netzwerk gemobbt und ausgegrenzt werden.
  • Arbeitslose machen diese Erfahrung: Du wirst nicht gebraucht.
  • Alte können diese Erfahrung machen: Niemand interessiert sich für dein Leben.

Anerkennung schafft Zugehörigkeit
Lebendig und voller Selbstvertrauen sind wir, wo wir anerkannt werden. Anerkennung ist dabei mehr als ein unbestimmtes Gefühl. Wer andere anerkennt, muss aufmerksam, gerecht und liebesfähig sein. Anerkennen heißt in der Alltagspraxis: Den Anderen wahrnehmen. (Gegen Gleichgültigkeit und Desinteresse). Dem Anderen mit Anstand begegnen. (Gegen Abwertung und Demütigung). Den Anderen wertschätzen. (Gegen Selbstgerechtigkeit).
Wenn wir uns das bewusst machen, wissen wir, dass wir in den vergangenen Jahren und Jahrzenten nicht alles richtig gemacht haben:

  • Wie fühlen sich Russlanddeutsche, die vor zwanzig, dreißig Jahren nach Deutschland gekommen sind?
  • Warum spüren wir bei machen türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern erst seit einigen Jahren, dass wir uns fremd geblieben sind?
  • Wie fühlen sich die Menschen, die in den beiden vergangenen Jahren als Flüchtlinge zu uns gekommen sind?
  • Warum werden Menschen mit anderer sexueller Orientierung nach wie vor von vielen nicht anerkannt?
  • Warum tut sich auch unsere katholische Kirche mit dieser Anerkennung so schwer? Und warum schließt sie Menschen, deren erste Ehe gescheitert ist und die wieder geheiratet haben, dauerhaft von den Sakramenten aus?

Wir alle gehören dazu. Deshalb müssen wir einander anerkennen.
„Dazugehören“ hat auch eine religiöse, theologische, mystische Dimension. Der Benediktinerpater und Philosoph David Steindl-Rast formulierte das so: „Das Glaubensbekenntnis ist erst in zweiter Linie die Aufzählung verschiedener Glaubenswahrheiten; in erster Linie ist es eben persönliches Bekenntnis einer einzigen Wahrheit, nämlich, dass ich glaube. … Woher wissen wir das? Kurz gesagt, aus Erfahrung. …
Vielleicht erinnerst Du Dich an einen Augenblick, in dem Du das Gefühl hattest, wirklich Du selber zu sein, gerade deshalb, weil Du irgendwie über Dich hinausgehoben wurdest – von Musik, vom hochgewölbten Himmel einer sternklaren Nacht, vom Anblick eines schlafenden Kindes, das an seinem Daumen saugt. Plötzlich verblassen, verschwimmen, verschwinden die scharfen Grenzen zwischen Dir und der Welt rundum, ja zwischen Dir und dem Urgrund, aus dem alles aufsteigt und in den alles zurückfließt. In solchen Augenblicken verkosten wir flüchtig, was Mystiker die Erfahrung des All-eins-seins nannten. …
In Augenblicken, in denen uns unsere tiefste Zugehörigkeit - und somit GOTT- bewusst wird, quillt gläubiges Vertrauen ganz spontan auf. In diesen besten, wachsten, lebendigsten Augenblicken unseres Lebens wissen wir uns mit einer Wirklichkeit verbunden, die weit über unser begrenztes Selbst hinausgeht. Diese Erfahrung innigster Zugehörigkeit ist so grundlegend, dass es sinnlos wäre zu fragen, ob wir es da mit Phantasie oder Wirklichkeit zu tun haben. Was sollen wir denn als Wirklichkeit bezeichnen, wenn nicht solche Ur-Erfahrungen? Sie liefern uns ja überhaupt erst den Maßstab für das, was verdient „wirklich“ genannt zu werden.“ (David Steindl-Rast: Credo. Ein Glaube der alle verbindet)
Wenn wir diese Erfahrung ernst nehmen, von der auch schon der Apostel Paulus in seiner Rede auf dem Areopag in Athen spricht, wissen wir: Wir alle leben und weben in Gott. Von ihm sind wir gehalten und gerufen. Deshalb gehören wir dazu. Deshalb müssen wir auch die anderen, alle anderen, anerkennen.

 

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