„Wer Mut sät, wird eine andere Welt ernten.“

Ein paar Gedanken zum aktuellen Schwerpunktthema „Nur Mut!“ von Paul Schlegl

Der Autor ist Dipl. Pädagoge, Dipl. Sozialpädagoge, Organisationsberater und Leiter des KEB-Bildungswerks RT

Wenn wir am Morgen aufstehen, sortieren wir uns erst mal: verabschieden die Träume der Nacht, schauen die Reste von gestern an, lassen kommen, was heute dran ist … Manches dabei auf die Seite zu schieben, es zu „verdrängen“, hat auch seine Bedeutung, um seinen Weg bahnen zu können, um handlungsfähig zu sein. Wir können nicht gleichzeitig an alles denken und alles machen.

Problematisch und gefährlich wird Verdrängung, wenn man bestimmte wichtige Themen grundsätzlich gar nicht mehr an sich ranlässt, das eigene Leben nur noch schönt, einseitige Blicke auf die Anderen kräftig pflegt.
Ungeniert in den Spiegel schauen, die eigene Geschichte erkunden kann aber zur wichtigen Aufgabe und Chance werden, um den eigenen Prägungen, Verletzungen, Stärken und Schwächen auf die Spur zu kommen. Die Reichhaltigkeit des Lebens verdeutlicht sich, die Erfolge und Misserfolge, Hochs und Tiefs und das Drumherum. Wir können das Ganze, die Vielgestaltigkeit nicht nur ans Licht befördern, wir sollten sie wertschätzen, annehmen, in Balance bringen. Dadurch können wir gesunden, weich und liebesfähig werden.

Der Philosoph Byung-Chul Han macht sich über die Glattheit unserer Zeit Gedanken, die sich beispielsweise auch in den glatten Oberflächen von Smartphones ausdrückt. Kratzer lässt das neu entwickelte Kunststoffmaterial schnell wieder verschwinden, denn sie stören. Die spiegelnden glatten Oberflächen der technischen Geräte, der Autos, der gestylten Bodys, der smarten Anzüge finden ihre Entsprechung in der verbreiteten Kommunikation, in der häufig der Schein nach außen gepflegt wird und ja nicht zu tief geblickt werden darf. Lieber schön soft totschweigen und übergehen…
Im krassen Gegensatz dazu die Ausländerhetze und Pöbeleien der Rechtspopulisten und ihrer Straßentruppen. Sie stürmen mit ihren platten tumben Sichtweisen hemmungslos in die Öffentlichkeit, kratzen dadurch zwar kräftig an der Oberflächlichkeit der Spaßgesellschaft, präsentieren mit ihren Hassparolen aber auch nur stereotyp Plakatives. Immerhin hat dies doch auch etwas Förderliches: Die Mehrheitsgesellschaft wird provoziert, Farbe zu bekennen, denn auf diesem bescheidenen Niveau kann es nicht weitergehen. 

„Nur Mut!“ braucht es auf der persönlichen und auf der gesellschaftlichen Ebene. Auf die konkreten Schritte kommt es an. Der nächste Schritt ist nie ein großes Problem, meint Martin Walser. „Man weiß ihn genau. Eine andere Sache ist, dass er gefährlich werden kann. Nicht sehr gefährlich. Aber ein bisschen gefährlich kann auch der fällige nächste Schritt werden. Aber wenn du ihn tust, wirst du dadurch, dass du erlebst, wie du ihn dir zugetraut hast, auch Mut gewinnen. Während du ihn tust, brichst du nicht zusammen, sondern fühlst dich gestärkt. Gerade das Erlebnis, dass du einen Schritt tust, den du dir nicht zugetraut hast, gibt dir ein Gefühl von Stärke. Es gibt nicht nur die Gefahr, dass du zu viel riskierst, es gibt auch die Gefahr, dass du zu wenig riskierst. Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.“

Sichtbar die nötigen Schritte tun hat seine Wirkung auf Andere. In dieser Welt, die manchmal so scheint, als sei sie aus den Fugen geraten, braucht es viele Zeichen der Menschlichkeit. C. Otto Scharmer schreibt in seiner „Theorie U“: „Angst hindert uns daran, das, was wir haben und sind, loszulassen. Diese Angst hat viele Formen: Angst vor ökonomischen Problemen, Angst, ein Außenseiter zu sein, Angst, sich lächerlich zu machen, Angst, mit dem eigenen Vorhaben zu scheitern. Dieser Stimme der Angst mit Mut entgegenzutreten und sie produktiv zu verwandeln, ist eine wesentliche Führungsaufgabe unserer Zeit. Die im Entstehen begriffene Zukunft kann erst dann beginnen, Form anzunehmen und ankünftig zu werden, wenn wir die Angst, ins Unbekannte zu treten, überwinden können.“

„Wer Mut sät, wird eine andere Welt ernten“, so die Überschrift dieser „Anmerkung“. Sie ist auch der Titel eines Buches mit zahlreichen ermutigenden Beiträgen für eine bessere Zukunft, das das kirchliche Hilfswerk MISEREOR Ende 2016 herausgegeben hat. Darin heißt es: „Beherzt können wir die Welt verändern. Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Berufen, Jüngere wie Ältere, beschreiben in 44 überzeugenden Beispielen, wie dies gelingen kann. Indem sie ihre eigenen Lebenserfahrungen und Entwicklungen schildern, unterbreiten sie konkrete Ideen, die man leicht übernehmen kann.“

 

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