Nur Mut!

Ein Plädoyer für Zuversicht und besonnenes Handeln und gegen die Angst - von Ulrike Neher-Dietz

Die Autorin ist Pastoralreferentin in der Citykirche Reutlingen und Mitglied im Vorstand der KEB Kreis Reutlingen e.V.

Jetzt sind sie da. Sichtbar im Straßenbild und neben uns an der Kasse im Supermarkt. Jetzt sind sie da, angekommen auch in unseren Köpfen. Das Bild von dem dreijährigen, auf der Flucht ertrunkenen Aylan Kurdi ist um die Welt gegangen und hat sich in die Erinnerung gebrannt. Das Foto ist Symbol geworden für das Leid der Vielen auf der Flucht. Und es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir gesellschaftlich vor einer historischen Herausforderung stehen, die wir so vorher nicht gekannt haben. Auf diese Herausforderung kann man antworten mit Resignation, mit Abschottung oder mit Mut.

Schaut man heute auf Deutschland und Europa, dann zeigt sich eine Menge Angst: Angst vor Terror, Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur und Werte, Angst, dass der Islam das Christentum verdrängt, Angst, selbst zu kurz zu kommen. Und es gibt für diese Ängste immer Fakten, die als Gründe herhalten können. Ja, es gibt Terroranschläge in Paris, Belgien und anderswo. Ja, es gibt Ausschreitungen und Gewalt in Asylunterkünften. Ja, die Menschen kommen aus ganz fremden kulturellen Zusammenhängen, sie leben anders, sie kleiden sich anders und sie glauben Anderes. Sie sind uns fremd. Bürger werden aus Angst ausländerfeindlich. Angst bestimmt das Wahlverhalten. Angst treibt verunsicherte Menschen auf die Straße und lässt sie dumme Parolen skandieren.
Der Flüchtlingszustrom polarisiert unsere Gesellschaft. Wir sehen auch Zehntausende, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, die Hilfe organisieren, Flüchtlinge begleiten, ihnen Angebote machen in Form von Sprachkursen, Alltagsunterstützung und Bildung. Es ist ein beglückendes Erlebnis, wenn aus „dem Flüchtling“ auf einmal Hamid wird, ein aufgeschlossener, netter junger Mann. Auch all die Engagierten berufen sich auf Fakten, die unumstößlich sind: die Flüchtlinge sind da und sie brauchen Unterstützung und Zuwendung. Sie haben nicht aus Abenteuerlust ihre Heimat verlassen. Gewalt, Zerstörung und Verfolgung sind für sie unerträglich und lebensbedrohlich geworden.

Was diese Fakten bedeuten, wissen wir noch nicht: Werden diese Menschen bei uns heimisch werden oder werden sie zumindest irgendwann in ihre Heimat zurückkehren? Sind sie gesprächsbereit, wenn es um unsere Werte und Lebenshaltungen geht? Wird die nächste Generation selbstverständlich hier dazugehören? Was ist mit dem Islam, von dem wir auch ein furchterregendes Gesicht kennen? All das wissen wir noch nicht. Was aber sicher ist – es wird sich einiges verändern. Die Vielfalt, auch der Werte, Weltanschauungen und Religionen, wird sich erhöhen und weiten.

Dass solche Veränderungen auch Angst auslösen, ist zunächst verständlich und muss gehört und ernstgenommen werden. Nur, Angst ist kein Zugewinn an Lebensqualität und Menschlichkeit. Angst, so sagt ein Sprichwort, ist ein schlechter Ratgeber. Auch Wut und Aggression sind eher sinnlose Energieverbraucher. Der Dialog, die Begegnung und das persönliche Kennenlernen des Fremden wird wichtiger werden als wir es bisher für möglich und nötig hielten. Die Denkrichtung der Aufklärung, mit ihrer Anleitung zu vernünftigem und reflektiertem Diskurs und zur Achtung vor dem Anderen, ist ein wirksames Mittel gegen die angstvolle Handlungsverengung. Für Christen gibt es noch eine weitere Perspektive, die im Zusammenhang mit der Angst handlungsleitend ist. „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Und mit dieser Hoffnung ist kein blinder Optimismus gemeint, es ist eine begründete Hoffnung, dass Leid und Tod nicht das Letzte sind, was uns bleibt, und dass Gottes Reich hier und jetzt beginnt. Eine Hoffnung, die für uns Auftrag ist zum Handeln.
Bundespräsident Joachim Gauck schreibt in einem Brief an seine Enkelin: „Wir können Angst nicht aus der Welt vertreiben. Aber Gott und Menschen sei Dank, sie bleibt nicht unsere Herrin. Wir gehören nicht unserer Angst, sondern einer stärkeren Liebe und Hoffnung. Das wollte ich dir sagen, liebe Josefine, und wahrscheinlich sage ich es auch mir selber. Weit wird das Land, wenn Menschen das glauben“.
Die Angst bleibt nicht unsere Herrin. Zuversicht, Herzenswärme, Besonnenheit und Engagement sind gefragt, um eine sich verändernde Gesellschaft mitzugestalten. Dies ist auch Anliegen der KEB. Nur Mut!

 

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