... und dazwischen Zwischenräume

Anmerkung von Paul Schlegl. Der Dipl. Pädagoge ist Leiter des Bildungswerks.

Nachts wenn ich im Bett liege und zurückblickend den Tag verabschiede, wenn ich nicht mehr genau weiß, ob ich noch wach bin oder schon schlafe, in dieser Situation kommen mir oft wichtige Gedanken und Einfälle. Manchmal halte ich sie noch auf Papier fest oder ich nehme mir einfach vor, sie am nächsten Tag „wieder kommen“ zu lassen. Die Zwischenphasen des Tages an unterschiedlichsten Orten und Örtchen bringen oft mehr hervor als das angestrengte Nachdenken, Planen und Beraten zu den dafür vorgesehenen Terminen. Wahrscheinlich geht’s nicht nur mir so. Deshalb sollte es aufmerksame Beachtung finden: dieses nicht klar organisierbare und nicht überschaubare „Zwischen“, in dem ein Schritt schon oder noch nicht ganz abgeschlossen ist und der nächste bereits beginnt. Nicht nur der Tag ist davon angereichert, sondern der Lebenslauf insgesamt; beispielsweise: unsere Entwicklung von der Kindheit zur Jugend, zum Erwachsensein, zum Alter -- von der Ausbildung zum Beruf, zum Wechsel des Berufs bzw. der Tätigkeit -- vom Singlesein zur Paarbeziehung, zur Familie, zu den unterschiedlichsten Varianten des Zusammenlebens... Die Aufzählung lässt sich lange fortsetzen. Kaum haben wir in unserem Leben Stabilität und Überschaubarkeit erreicht, treten neue, oft unvorhersehbare Situationen ein. Chaos und Ordnung im Wechselspiel. Die Forscher sagen sogar, dass im Chaos Ordnung zu entdecken ist. Unser Leben ist gekennzeichnet durch die Zwischen- und Übergangserfahrungen. Bei näherem Hinsehen erkennen wir, dass wir uns mehr und häufiger im „Zwischen“, in der Unübersichtlichkeit, in der Veränderung befinden als wir zunächst vermuten. Unsere eigenen Erfahrungen bestätigen das alte Bild des Unterwegsseins. Manche sprechen davon, dass der Weg das Ziel ist. In bestimmten Lebensphasen kommen spezielle Aufgaben auf uns zu, die es zu bewältigen gilt um neue Umbrüche und Herausforderungen zu bestehen. Der Entwicklungspsychologe Erik Erikson wies darauf hin, dass beispielsweise besonders im Erwachsenenalter persönliches Wachstum und Entfaltung sehr wichtig sind. Den Zustand von „Integrität“ gilt es im reifen Erwachsenenalter zu erreichen, um diesen Lebensabschnitt genießen zu können und um nicht von einem generellen Lebensekel ge- und erdrückt zu werden. „Alles hat seine Zeit“ – so heißt es im alttestamentlichen Weisheitsbuch Kohelet – „...eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen...“ Zwischenraum, Übergang, Umbruch, Unterbrechung, Wendepunkt, Krise, egal wie wir diese besonderen Zeiten erleben und nennen, es geht darum offen und lernfähig zu sein, unterscheiden und entscheiden zu können, handlungsfähig zu werden. Im Wechsel zwischen Stabilität und Veränderung sind viele Chancen enthalten. Aufgaben stellen sich, neue Situationen und Aufgaben kommen hinzu. Damit dieser Fluss nicht zu einem permanenten Wasserfall ausufert, sind Zeitdehnungen und Entschleunigungen wichtig, in denen das „Zwischen“ bewusst erlebt werden kann und Entscheidungen reifen können. Bildungsprozesse sollten Bestandteile dieser Reifezeiten sein. In ihnen kann das Alte mit dem Neuen verbunden werden, denn: „Das Neue ist niemals ganz neu. Es geht ihm immer ein Traum voraus.“ (Ernst Bloch) Träume auf Neues entstehen nicht nur aus den Zeitabschnitten im Lebenslauf. Auch andere Erlebnisräume des „Zwischen“ geben Hoffnung auf Neuland, auf Zukunft, helfen die Angst vor dem Fremden zu überwinden, zumindest zu begrenzen: Begegnungen zwischen den Kulturen, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Generationen, zwischen Reichen und Armen, zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch. Die Überschrift dieses Beitrags stammt aus einem Kinderlied: „Links sind Bäume, rechts sind Bäume und dazwischen Zwischenräume.“ Das Zwischen hat viele Facetten in Beziehung, Raum und Zeit. Das folgende Gedicht aus dem indischen Sanskrit ermutigt dazu die Gegenwart, das Jetzt, als entscheidende Erfahrung im Lauf der Zeit zu begreifen: Achte gut auf diesen Tag denn er ist das Leben das Leben allen Lebens. In seinem Ablauf liegt alle Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins. Die Wonne des Wachsens die Größe der Tat die Herrlichkeit der Kraft. Denn das Gestern ist nichts als ein Traum und das Morgen nur eine Vision. Das Heute jedoch - recht gelebt – macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück und jedes Morgen zu einer Vision voller Hoffnung. Darum achte gut auf diesen Tag.

 

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