„Einwilligend in den Wechsel wirst du beständig.“

Ein paar Gedanken zum KEB-Schwerpunktthema 2016 "Identität & Zusammenhalt" - von Paul Schlegl.
 
Der Autor ist Dipl. Pädagoge, Dipl. Sozialpädagoge und Organisationsberater sowie Leiter des KEB-Bildungswerks RT

Eine Szene im vergangenen Herbst zeigte mir, wie aufgeschlossen wir mittlerweile in diesem Land leben: Stuttgart, Liederhalle, Konzert zum 90. Geburtstag des großen griechischen Komponisten Mikis Theodorakis. Das Orchester und die Sänger stimmen „O Kaimòs“ an. Der ganze Saal singt mit: stolze, selbstbewusste Griechen, begeisterte Deutsche. Und das am Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober), 25 Jahre nach der Wiedervereinigung, in einem Jahr, in dem es Griechenland allerdings nicht gut ging.

Heimat ist wieder gefragt in einer Zeit, in der sich Vieles verändert, in der die Beständigkeiten nachlassen. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Zusammenhalt zeigt sich nicht nur in geografischen Räumen oder in verschiedenen Events, sondern auch in der Kleidung, angefangen vom Fußballtrikot, über Jeansmode, Biker-Ausrüstung bis hin zu Trachten, die neuerdings wieder beliebt sind.
Zwar gibt es immer noch die Deutschtümler, die die Zeit einfach wieder zurückdrehen wollen, doch die Frage nach Heimat stellt sich heute anders, deutlich vielgestaltiger. Das Internet lässt uns in der ganzen Welt herumsurfen. In Deutschland und Europa begegnen sich verschiedene Kulturen auf engstem Raum, wie das Beispiel aus der Stuttgarter Liederhalle zeigt. Und allen geht es um die eigene Geschichte, die Traditionen, Bräuche und Rituale, um das Selbstverständnis, das Unverkennbare und das weniger Wichtige. Solche Entwicklungen befördern wertvolle Kontakte und Begegnungen, sie können aber auch irritieren und befremden.

Wer bin ich und wie lebe ich? Wir beschäftigen uns mit Identität nicht nur kulturell, sondern auch ganz persönlich. Beide Fragerichtungen hängen zusammen, denn es geht immer um die eigenen Wurzeln, den eigenen roten Faden und das eigene Profil und gleichzeitig um die Fähigkeit, sich zu verändern, sich auf Neues einzulassen. Die Kunst, zu einer stabilen Identität zu finden, ist eben auch loslassen zu können. Diese Dialektik hat Nelly Sachs in ihrem Gedicht „Einwilligung“ aufgegriffen:

Einwilligend in den Wechsel
Wirst du beständig.
Einwilligend in Leid
Kann die Freude Wurzeln schlagen.
Einwilligend in Gebundensein
Erfährst du Freiheit.

Die Art und Weise wie mit Identität umgegangen wird, wirkt sich auch auf die Haltung zur Religion und auf die religiöse Praxis aus. In den Kirchen und Religionen versammeln sich häufig Menschen, die genau wissen wollen, wie Gott ist und wie man bis in einzelne Gesetze hinein zu leben hat. Dieses hohe Sicherheitsbedürfnis schlägt schnell in Frustration und Fundamentalismus um, wenn man das eigene Glaubensmilieu verlässt und das eigene Koordinatensystem nicht mehr funktioniert. Natürlich ist religiöse Gemeinschaft schön, erbauend und wertvoll, aber die religiöse Verwurzelung und das Vertrauen bewähren sich erst in der unsortierten Fremde, in der religiöse Äußerlichkeiten sekundär sind. Denn Gott ist ein Geheimnis, er ist nicht begreifbar, und alle Bilder über ihn greifen zu kurz. (Exodus 20,4 und Johannes 20, 29)

In Verbindung mit den Flüchtlingsströmen, die nach Europa und Deutschland kamen und kommen, stellt sich die Frage nach Identität neu; sehr existentiell für diese neuen Heimatvertriebenen und ebenso für die Mehrheitsgesellschaft der Einheimischen. Die Akteure, die in der Öffentlichkeit auftreten, verdeutlichen ihre Sicht- und Herangehensweisen von „Wir schaffen das“, über die besorgte Frage, wie viel Zuwanderung diese Gesellschaft verträgt, bis hin zum Negativsog der AFD-Pegida-Leute und auch manch konservativer Kreise. Einstellungen offenbaren Geisteshaltungen: Sehe ich die Menschen nur in der Masse – Flüchtlinge, Muslime, Syrer, Afrikaner … - und baue pauschale Bedrohungsängste auf bzw. rücke diese Ängste in den Mittelpunkt? Oder bin ich bereit, auch den einzelnen Menschen mit seiner Geschichte und seinem Schicksal zu suchen und zu entdecken? In seinem Mauthausen-Lieder-Zyklus erinnert Mikis Theodorakis an ganz konkrete Naziopfer und spricht Sie in einem Lied direkt an: Oh Anne Frank, Ibrahim, Emiliano …

In unseren Gegenwartskonflikten sind die eigenen Werte angefragt und das Engagement, das daraus entsteht. Christliche Nächstenliebe, Menschenwürde und Menschenrechte sind kulturelle Errungenschaften, die die Qualität des Zusammenlebens in unserem Land bislang prägen. Sie gilt es hochzuhalten und auf die Zukunft hin auszurichten, auch in einem weiterentwickelten und erneuerten Europa. Diesem Anliegen dient das KEB-Schwerpunktthema.

 

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