Identität & Zusammenhalt

Einführende Gedanken zum KEB-Schwerpunktthema 2015/ 16 - von Hermann Friedl
Der Autor ist Dekan im Katholischen Dekanat Reutlingen-Zwiefalten.

Ein herzliches „Grüß Gott“ auf der Straße oder einen „Guten Tag“ im Geschäft sind heute keine Selbstverständlichkeit mehr - Adolph Freiherr Knigge hin oder her. Termindruck, Leistungsdenken, Fremdbestimmung, Reizüberflutung und technisierte Kommunikation haben global Einzug gehalten in unser zeitlich begrenztes Leben und verlieren den Menschen mit seinem einmaligen Wert und seiner unendlichen Würde zunehmend aus dem Blick: er vereinsamt, verarmt, erkrankt - trotz und aufgrund des Wohlstandes, angesichts von Egoismus und unlauterer Interessen. Hauptsache, das „Ganze“ funktioniert wie ein Räderwerk, auch wenn es hier und da aus den Fugen gerät und der Mensch „gerädert“ ist.

„Im Grunde … sind wir alle kollektive Wesen, wir mögen uns stellen, wie wir wollen. Denn wie weniges haben und sind wir, was wir im reinsten Sinne unser Eigentum nennen. Wir müssen alle empfangen und lernen, sowohl von denen, die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind“ (Johann Wolfgang v. Goethe). Dieses Wort des großen deutschen Dichters behält seine Relevanz auch noch zwei Jahrhunderte nach seiner Formulierung und dies gleichfalls hinsichtlich unserer muslimischen Glaubensgeschwister, unserer europäischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, den aktuell 60 Millionen Menschen auf der Flucht und nicht zuletzt in Bezug auf uns selbst.
Dass der Mensch nicht für sich allein sein kann, überliefern uns nicht nur die Bibel im Buch Genesis, dem ersten Buch Mose - „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt“ (Gen 2,18) - , sondern auch so genannte Kaspar-Hauser-Versuche, bei denen etwa der Tod von Kleinstkindern in Kauf genommen wurde, als man ihnen außer der Nahrungsversorgung keinerlei menschliche Zuwendung schenkte.

„Was ist der Mensch, dass du [Gott] an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ (Ps 8,5). Der Mensch - Du, ich und derjenige neben uns - haben seit unvordenklichen Zeiten und bleibend bis in Ewigkeit eine nicht endende Identität, die nicht rein menschlich zu definieren ist, sondern in der Ebenbildlichkeit Gott gegenüber begründet liegt: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild“ (Gen 1,27). Und später weiß der Prophet Jesaja von der Verheißung Gottes dem Menschen gegenüber zu überliefern: „Ich habe dich beim Namen [und nicht bei einer Nummer] gerufen, du gehörst mir“ (Jes 43,1).
All diese Pfeiler menschlicher Identität bereits in vorchristlicher Zeit gipfeln in der Mensch-Werdung Gottes, in Jesus Christus selbst. „Mach’s wie Gott: werde Mensch!“, wusste der emeritierte Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, einmal unseren christlichen Auftrag und Dienst am Nächsten zusammenzufassen. Was könnte das konkret bedeuten?

Erstens: Den ernsthaften Dialog etwa mit unseren Schwestern und Brüdern anderer Konfessionen und Religionen, zum Beispiel dem Islam, suchen, pflegen und mit Wertschätzung und Toleranz einen Weg des Friedens miteinander gehen - entsprechend dem so genannten Gelassenheitsgebet des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Zweitens: Bei aller Neutralität des Staatensystems und bei allem ökonomischen, ökologischen und ökumenischen Denken nicht nur auf europäischer Ebene den Gottesbegriff aufrecht erhalten im Sinne des verschollenen französischen Schriftstellers und Fliegers Antoine de Saint-Exupéry: „Liebe besteht nicht darin, dass man einander anschaut, sondern dass man gemeinsam in dieselbe Richtung blickt“, also auf „den [gemeinsamen] Schöpfer des Himmels und der Erde“ (Credo), der uns diese Schöpfung mitsamt ihren Geschöpfen zum verantwortungsvollen Umgang mit ihr übergeben hat. Der amerikanische Schriftsteller Stephen Vincent Benét hat das 1942 in folgende Worte gekleidet, dem „Gebet der Vereinten Nationen“:
„Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung. Gib uns Mut und Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen.“

Drittens: In einem dramatischen Appell rief Papst Franziskus am 8. Juli 2013 auf der Mittelmeerinsel Lampedusa zu mehr Solidarität mit den verzweifelt Hilfesuchenden auf. Unsere Wohlstandskultur führe dazu, so der Papst, „dass wir nur an uns selbst denken, sie macht uns gefühllos dem Aufschrei der anderen gegenüber, lässt uns in schönen Seifenblasen leben“; er forderte die Abkehr von einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“.
Bedenkt man noch einmal des Menschen Ebenbildlichkeit Gottes und die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, dann zählt unabhängig aller Nationalität, Hautfarbe, Religion, Veranlagung und Sozialstatus einzig und allein der Mensch. Ihm sind wir zuallererst verpflichtet - um Gottes Willen! Dies erfolgt primär durch Begegnung, denn „alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (Martin Buber, jüdischer Religionsphilosoph). Der Wirtschaftstycoon Henry Ford bringt es mit folgenden Worten auf den Punkt: „Zusammenkunft ist ein Anfang. Zusammenhalt ist ein Fortschritt. Zusammenarbeit ist der Erfolg.“

Viertens – Ich! Ich kann philosophieren und theologisieren, auf meiner Meinung beharren und meinen Egoismus kultivieren und pro forma Bildung über alles stellen - doch was hilft es, wenn ich nicht mit Beispiel und vorbildlichem Charakter vorangehe, den Anfang setze oder als Kettenglied und Brückenpfeiler die „Glücksspirale“ beziehungsweise den „Weg zum Guten“ (Jer 6,16) fördere und aufrecht erhalte - zum Wohl der Menschen und zur größeren Ehre Gottes! Darum „Herr, lass Frieden überall auf Erden kommen und fange bei mir an! Herr, bringe deine Liebe und Wahrheit zu allen Menschen und fange bei mir an“ (Gebet eines Christen aus China). Oder als der Bauernsohn und spätere Bischof Giuseppe Roncalli 1958 zum Papst Johannes XXIII. gewählt wurde, lag die Bürde des Amtes schwer auf ihm und er konnte nicht mehr gut schlafen. Wie er sich so schlaflos im päpstlichen Bett wälzte, flüsterte ihm sein Schutzengel zum Trost und als Entlastung ins große Ohr: „Johannes, nimm dich nicht so wichtig!“

 

» zurück zur Übersicht Archiv

Höhle in den USAPilgerndes PaarGeöffnete Tür - Blick ins WeiteWaldlichtungAuf dem Jakobsweg