Über allem Preis erhaben

Gedanken zum Schwerpunktthema 2003 von Robert Widmann. Der Autor ist Dekan, Pfarrer der Gemeinde St. Wolfgang Reutlingen und Liebfrauen Eningen sowie Mitglied im Vorstand des Bildungswerkes.

„Was nichts kostet, ist nichts wert“ ... es gibt Felder des alltäglichen Handelns, auf denen es zu stimmen scheint. Pädagogisch – nicht nur bei Kindern – ist es, bei Ausflügen, Freizeiten, Unternehmungen einen Beitrag der Eigenbeteiligung anzusetzen, um ein Bewusstsein des „Wertes“ zu fördern. Und wir sind schon mitten drin in der aktuellen Debatte um die Kosten unseres Gesundheitswesens: Stärkt die Eigenbeteiligung das Wertbewusstsein für medizinische Leistungen, den sorgfältigen Umgang mit Ressourcen – oder führt sie in das Zwei- oder Mehrklassen-Gesundheitswesen? Ist die Gesundheit mehr oder weniger „wert“ je nach sozialem Stand? Ich setze neu an: Ein Film ist mir immer in Erinnerung geblieben: „Der Glöckner von Notre Dame“ nach dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo: „Es war ein eckiger, sehr bewegter Klumpen, der in einem Sack steckte. Nur der Kopf schaute heraus ... ein missgestaltetes Ding“ – so wird Quasimodo beschrieben und die Reaktion der Umwelt. Das Überleben behinderter Menschen, vor allem ihre Selbst-Wert-Erfahrung, hängt entscheidend davon ab, wie die Gesellschaft sie aufnimmt. Diese Wahrnehmung bekommt eine ganz neue Qualität heute, da die Pränataldiagnostik ermöglicht, nicht nur Behinderungen frühzeitig zu erkennen, was von grundlegendem Interesse für Eltern ist, sondern mit dem „Wissen“ umzugehen und wertend zu handeln, wertend zu verfügen. Was früher als Schicksal erlebt wurde, nimmt man heute in die Hand. Dem entspricht der immer stärkere Wille, die Natur, die Gesellschaft, sich selbst, den eigenen Körper und das eigene Leben zu gestalten. Die neue Herausforderung dieses menschlichen Bestrebens besteht darin, dass es nicht nur um eine Gestaltung geht, sondern um das Existenzrecht, das in das Fahrwasser eines „Selektions“-Zwanges gerät. Können Mütter, Väter da noch „guter Hoffnung“ sein? Noch ist pränatale Diagnostik keine Pflicht. Sie darf nicht Routine werden. Es kommt darauf an, dass Eltern zu einer verantwortungsbewussten Entscheidung kommen und vor allem, wie sie darin und danach begleitet werden. Wertneutral wird es nicht sein können, weil die Eltern in einer Risikoschwangerschaft zu einer Wertentscheidung finden müssen. „Wertentscheidung“? – Das Wort „Wert“ stammt aus der Ökonomie, aus dem Bereich des konkret Bewertbaren. Wie aber, wenn es um „Unbezahlbares“ geht? Wir kennen Messwerte, Grenzwerte, Wertpapiere – sie unterliegen der Definition, sind verhandelbar. Wer definiert, wenn es um das Existenzrecht des Menschen geht, wer legt Grenzwerte fest? Immanuel Kant sagt: „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes gesetzt werden, was dagegen über allem Preis erhaben ist ... das hat eine Würde.“ Die darf man nicht zu Markte tragen, denn dort wird verhandelt. Wir können also nur vom „Wert des Menschen“ sprechen, wenn wir eine Bezugsgröße haben, die außerhalb der Beliebigkeit der Bewertung liegt – seine Würde. Sie ist nicht bewertbar, verfügbar, handelbar. Schon die politische Verfassung drückt dies aus in der „unantastbaren Würde“. Freilich wissen wir, dass die Würde des Menschen in der Tat antastbar, verwundbar ist. Im biblischen Menschenbild – der Mensch als Bild und Gleichnis Gottes – liegt also nicht nur eine Bewehrung, sondern auch Zusage und Auftrag, dass auch der in seiner Würde verwundete, verletzte Mensch „in seiner Würde wunderbar wiederhergestellt“ ist (Tagesgebet von Weihnachten) und dies einzulösen ist. Ist die Rede von der „Würde des Menschen“ der beliebte Joker der Kirchen, sich in gesellschaftspolitischen Streitfragen den Argumenten zu entziehen – oder ist umgekehrt die Rede vom „Wert des Menschen“ eine Leerformel, solange nicht bewusst oder nicht kommuniziert wird, was der Wertmaßstab ist? In dieser Frage liegt Brisanz und Dringlichkeit des Jahresthemas des Katholischen Bildungswerkes. Kehren wir, damit die Lebensnähe des Themas deutlich wird, nochmals zu Quasimodo zurück: Dem Glöckner von Notre Dame – von den Menschen als Ungeheuer begafft – geschieht nichts im sich ausbreitenden Feuer. „Ich nehme dieses Kind an“ – so legt sich eine Hand noch rechtzeitig über das „Menschenkind“. – Er trägt es fort, tauft es auf den Namen des Tages, an dem er es gefunden hatte: „Quasi modo geniti infantes“ – mit anderen Worten: Mag dieser Mensch in euren Augen dies oder jenes wert sein – er ist Kind Gottes. Der Verwachsene lebt in seinem Heiligtum von unendlicher Harmonie und hängt die Würde seines Lebens an die große Glocke.

 

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