Unsere Gedanken und unsere Gefühle beflügeln

Überlegungen zum KEB-Schwerpunktthema 2014 Unerwartete Chancen – unerwartete Kraft - von Bernhard Bosold

Der Autor ist Schuldirektor i.K. und Referent für Gymnasien im Bischöflichen Schulamt Rottenburg sowie ehrenamtlicher Vorsitzender des KEB-Bildungswerks Kreis Reutlingen

Unerwartete Begegnungen, unerwartete Ereignisse, unerwartete Entwicklungen können beflügeln. Plötzlich ist eine Perspektive da, ein neuer Horizont, eine Verheißung. Und wir spüren eine Kraft in uns, mit der wir nicht gerechnet haben.

Unerwartete Begegnungen
Blicke begegnen sich. Gespräche ergeben sich, die uns berühren. Wir spüren eine Sympathie und eine Verbundenheit, die vorher nicht da war. Und diese Freundschaftsbeziehung beflügelt uns und schenkt uns neues Selbstvertrauen. Wir sind nicht einsam. Wir spüren eine Geistesverwandtschaft, eine Resonanz. Und plötzlich ist wieder wichtig, was wir denken und tun. Manchmal bleiben solche Begegnungen rein persönlicher und privater Natur. Manchmal sind sie der Beginn für ein Engagement, das über unseren kleinen privaten Kreis hinausreicht.

Unerwartete Ereignisse
Als Papst Benedikt XVI. am Rosenmontag 2013 vor den versammelten Kardinälen seinen Rücktritt ankündigte, war das eine große Überraschung. Niemand hatte damit gerechnet. Und auch die Wahl von Jorge Mario Bergoglio, dem Kardinal aus dem fernen Buenos Aires, kam unerwartet. Kein Journalist, keine Journalistin hatte ihn auf der Liste.
Und nun das: Papst Franziskus. Ein neu gewählter Papst, der seine Hotelrechnung noch selbst bezahlt, der nicht in den Apostolischen Palast einzieht, weil er dort abgeschirmt und einsam wäre. Ein Papst, der solche Sätze sagt: „Ein Bischof, der seiner Gemeinde nicht dient, handelt falsch.“ Und: „Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“
Und auf einmal sind neue Gedanken und neue Perspektiven da. Vorrangig ist es, zu den Menschen an den Rändern zu gehen und nicht, theologisch verästelte Gedanken noch weiter zu verfeinern. Vorrangig ist es, das Evangelium hörbar zu machen und nicht in erster Linie Moral und Kirchendisziplin einzufordern.
Mit einem Schlag war klar: Wo Kirchenrecht und Moral die erste Geige spielen, spielt das Evangelium automatisch die zweite. Das muss umgekehrt werden: Auf das Evangelium kommt es an, auf die Botschaft, die heilt und lebendig macht. Das Kirchenrecht und die Moral, so wichtig sie sind, spielen nur die zweite Geige.

Unerwartete Entwicklungen
1964 wurde in meiner Heimatstadt die „Tourlaviller Hütte“ eingeweiht. Sie war sichtbares Zeichen der neu begonnenen Jumelage mit Tourlaville, einer kleinen Stadt vor den Toren Cherbourgs in der Bretagne. Erst heute, mit 50 Jahren Abstand, kann ich ermessen, was das bedeutete. Der Zweite Weltkrieg war noch keine 20 Jahre vorüber, da wurden „Erbfeinde“ zu Freunden. Dieses Jahr erinnern wir uns an „70 Jahre D-Day“, die Rückeroberung der Normandie und der Bretagne durch die Alliierten. Und an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Wer entlang des Rheins die Bunker des „Westwalls“ und der Maginot-Linie besichtigt oder wer einen der riesigen Soldatenfriedhöfe rund um Verdun besucht, bekommt noch heute einen bewegenden Eindruck davon, was in den letzten 50 Jahren an Versöhnung möglich geworden ist.
Ruth Pfau, die Ordensschwester und Lepraärztin, die ihr ganzes Leben in Pakistan wirkte, sagte bei einem Besuch in Reutlingen auf die Frage, was sie an Deutschland und Europa schätze: „Dass Deutschland ein Rechtsstaat ist. In Deutschland und in Europa kann man nicht einfach verhaftet und gefoltert werden. Das ist in Pakistan nicht so. In Karatschi höre ich aus einem Gefängnis unweit meiner Wohnung immer wieder die Schreie Gefolterter.“

Unerwartete Kraft
Das Evangelium ist es wert, unsere Gedanken und unsere Gefühle zu beflügeln. Es geht um Lebendigkeit und um Heilung. Es geht um Geschwisterlichkeit und um Gerechtigkeit, nicht um Belehrung und um ein Kreisen um sich selbst.
Europa ist es wert, unsere Gedanken und unsere Gefühle zu beflügeln. Die biblische Überlieferung, die griechische Philosophie, das römische Rechtssystem, die mittelalterliche Klosterkultur und die Aufklärung: Sie haben etwas Einmaliges hervorgebracht. Wenn wir heute eine Vorstellung von der „unverletzbaren Würde des Menschen“ haben, dann hat sie hier ihre Wurzeln. Das müsste uns motivieren, in Europa mehr zu sehen als einen Binnenmarkt.

 

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