Verwurzelt, entwurzelt und die lebenslange Sehnsucht nach Heimat

Anmerkung zum Schwerpunktthema 2002 von Paul Schlegl. Der Dipl. Pädagoge ist Leiter des Bildungswerks.

Wo ist deine Heimat? Nicht immer passt als Antwort der Name eines bestimmten Landes, einer Region oder Landschaft. Angesichts steigender Mobilität denken viele bei dieser Frage an vertraute Menschen und gute Beziehungen, an die geistige Heimat und Orientierung, an bestimmte, häufig wiederkehrende Orte. „Meine Heimat ist im Flugzeug“ sagte unlängst der Kosmopolit Bassam Tibi, der zu Besuch in Reutlingen war. Die Wurzel symbolisiert Beheimatung. Sehen wir sie ausgerissen, denken wir an fremd sein und einsam sein. Schon das 20. Jahrhundert zeigte millionenfach, dass Menschen sich ihrer territorialen Heimat nicht sicher sein konnten. Die Flüchtlings- und Vertriebenenströme halten weltweit an. In-der-Fremde-sein ist zu einer allgemeinen Erfahrung geworden. Die eigene Biografie, Herkunft, Familie zeigen Beispiele von Entwurzelung und Verwurzelung. Lebenslang, aber immer wieder in neuem Kontext wird gefragt: Wer bin ich? Wer will ich sein? Besonders einschneidend und drängend stellt sich diese Frage nach Trennungen unterschiedlichster Art, wenn Krisen und deren Themen zu bearbeiten sind. Der Gegenwartsmensch ist angesichts der Ver- und Entwurzelungs-Polarität auf der Suche nach mehr: ... nach Heimat, nach Geborgenheit, nach Gewissheit, nach Stabilität, nach Leitbildern, nach Identität, nach Halt, nach Gemeinsamem... Auch wenn sich Fremdheit und Verunsicherung in unserer Zeit häufen, so gehören sie doch zum Erfahrungsbestand der Menschheitsgeschichte. Beispiel Babylon. Ein ganzes Volk lebte in Gefangenschaft. Leonard Cohen verarbeitete in einem Song den historischen Stoff mit heutigem Empfinden: By the rivers dark I wandered on. I lived my life In Babylon. By the rivers dark I panicked on. I belonged at last To Babylon. And I did forget My holy song: And I had no strength In Babylon. Be the truth unsaid And the blessing gone, If I forget My Babylon. Was tun, um nicht entwurzelt liegen zu bleiben, um nicht dauerhaft in der „Babylonischen Gefangenschaft“ zu verharren? „Das Grausame ist der Sog in meinem Gemüt“ schrieb Henrik Ibsen. An der Wirklichkeit ausgerichtete Blicke helfen uns im positiven Sinn zu „ent-täuschen“. Ewig Halt gebende Wurzeln sind rar. Sich verwurzeln ist ein aktives Geschehen, das Beweglichkeit und die Bereitschaft erfordert – auch mal mit flauem Gefühl im Magen - immer wieder neu anzufangen. Wurzeln wachsen in die Tiefe. Weil das Unvollendete, Brüchige eben Realität ist, sollte es nicht naiv und harmonisierend ausgeblendet werden. Neue tragfähige Qualität entsteht erst, wenn die Dimensionen der Verwurzelung und Entwurzelung in Ruhe und mit Zeit angeschaut werden und wenn daraus eine echte Haltung des Entdeckens und Lernens entsteht. Der hoffende, vertrauende Mensch hat es dabei leichter. Traditionsverlust kennzeichnet nicht nur die gegenwärtige religiöse Situation. Alte Begründungen und Ausdrucksformen des Christlichen stoßen vielfach ins Leere. So stellt sich neu die Frage: Was ist eigentlich das Christliche (für heute)? Was sind die Wurzeln und wie kann christliche Identität gegenwärtig aussehen? Religiöses Suchen ist ein intensiver Prozess, der sich nicht nur an „dieser Welt“ und ihren Gesetzmäßigkeiten orientiert. Zur christlichen Spur gehört loslassen zu lernen und sich zu verwurzeln in der Welt Gottes, die eine weite Sicht und geschwisterliches Verhalten ermöglicht. Religiöses Nachdenken überwindet gegenwärtig traditionelle kulturelle Schranken: Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus: Angesichts weltweiter Kommunikation entstand ein zunehmendes Bedürfnis an interreligiösem Dialog, an Entdeckung des Unbekannten bis hin zur Frage, was die Religionen zu einem künftigen Weltethos beitragen können. Die Neuorganisation weltweiten Zusammenlebens fasziniert und aktiviert viele Menschen. Es geht darum sich zu vernetzen und neue Möglichkeiten des Austausches über Grenzen hinweg zu entdecken. Zu Beginn des Jahres wurde der Euro eingeführt. Er ist nicht nur neues Geld, er ist ein Symbol für mehr Gemeinsamkeit in Europa. Viele andere fühlen sich durch die Globalisierung ins Abseits gedrängt, entwurzelt. Resignation und Einsamkeit sind häufige Reaktion in der Massengesellschaft. Manche fundamentalistische Gruppen und Organisationen suchen ihre Antwort auf die Modernisierungskrise in Gewalt und schrecklichen Terror. Durch Kriege werden Menschen immer wieder ihrer Heimat beraubt. In diesen globalen Umbruchprozessen besteht die Gefahr den konkreten einzelnen Menschen und sein Wohl aus dem Blick zu verlieren. Mit Herman van Veen ist es umso wichtiger nicht nur Masse, sondern Namen und Gesichter zu sehen: „Gib den Kriegskindern einen Namen, dann wirst du ihnen näher sein, nenn sie Jelle, York oder Anne, Rosa oder Valentijn, gib den Entehrten ihre Wurzeln, gib den Sterbenden ein Bett, nenn sie Letja, Merlijn oder Roger, Hubert, Robert Jan, Babette.” Der Bogen dieses neuen Schwerpunktthemas „Verwurzelt – Entwurzelt“ ist weit gespannt. Persönliche, religiöse und gesellschaftlich-politische Dimensionen gehören dazu. Auch wenn manches Thema bisweilen mühevoll sein mag, soll Bildung aufklären und Betroffenheit schaffen, damit aufmerksames und gerechteres Handeln daraus entstehen kann.

 

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