Verwurzelt - Entwurzelt - Beflügelt?

Gedanken zum Schwerpunktthema 2002 von Albert Gnädinger. Der Autor ist stellvertretender Vorsitzender des KBW–Trägervereins, Zweiter Vorsitzender des Kirchengemeinderats der Christus-König-Gemeinde Münsingen und Leiter des dortigen Ökumenischen Gesprächskreises. Er unterrichtet als Studiendirektor am Albert-Schweitzer-Gymnasium Laichingen.

In seiner Parabelerzählung „Der Kleine Prinz“ (1943) lässt Antoine de Saint-Exupéry seine Hauptfigur in der Wüste einer armseligen Blume begegnen. Zwischen ihnen entspinnt sich ein kurzer Dialog: „> Wo sind die Menschen?<, fragte höflich der kleine Prinz. Die Blume hatte eines Tages eine Karawane vorbeiziehen sehen. >Die Menschen? Es gibt, glaube ich, sechs oder sieben. Ich habe sie vor Jahren gesehen. Aber man weiß nie, wo sie zu finden sind. Der Wind verweht sie. Es fehlen ihnen die Wurzeln. Das ist sehr übel für sie.<“ Die Passage: ein Paradebeispiel für die Begrenztheit, Subjektivität, Erfahrungs- und Standortgebundenheit aller (menschlichen) Erkenntnis. Die Aussagen der Blume über die Menschen sind daher objektiv falsch. Gleichwohl aber treffen sie zugleich – in parabelhafter Verdichtung – scharfsichtig und pointiert eine existenzielle Befindlichkeit der modernen Menschen: „Es fehlen ihnen die Wurzeln ...“ Was die Blume von ihrem Standpunkt aus (sie hat ja Wurzeln) als fundamentales naturgegebenes Manko der Menschen ansieht, im Sinne von fehlender lokaler Verwurzelung, Verortung und Beheimatung, ist in Wirklichkeit nur halb richtig. Denn im übertragenen Sinn haben Menschen natürlich auch „ihre Wurzeln“. Doch das Besondere und Radikale („an die Wurzel Gehende“) an der heutigen Situation besteht darin, dass Menschen ihre Wurzeln vergessen oder gar kappen, so dass es von ihnen besser heißen müsste: „Sie haben ihre Wurzeln verloren ....“ „Es fehlen ihnen die Wurzeln ...“ Dieser Satz ist in erster Linie gesprochen im Blick auf die Mobilität der Menschen. Er lässt sich leicht auf die heutige Situation übertragen. Egal ob mit Automobil, Wohnmobil oder Jumbo-Jet - die ganze Welt steht ihrer Reiselust und Urlaubssehnsucht offen, überall sind sie vorübergehend zu Hause, aber nirgends richtig „daheim“. Mobilität und Flexibilität sind zudem höchst geforderte „Tugenden“ im modernen Arbeits- und Berufsleben; sie sind vielfach Voraussetzung für Arbeitsplatz und Broterwerb und tun dadurch das Ihre, um die Menschen „auf Trab und Achse“ zu halten und eine bodenständige Verwurzelung zu verhindern. Die Folge dieser mobilen Gesellschaft: Die Welt wird zum „globalen Dorf“. Während wir in die fernen Länder „abschwirren“, kommen fremde Menschen zuhauf zu uns: Besucher, Gastarbeiter, Flüchtlinge, Asylsuchende. Sie bringen ihre Welt, ihre Sprache, Geschichte und Kultur mit in unsere Breiten, sie denken und leben anders. Durch Zu- und Einwanderung verändert sich die Gesellschaft: Die traditionelle Einheitlichkeit geht verloren, die plurale, multikulturelle Gesellschaft hält unaufhaltsam Einzug und sorgt ihrerseits für vielfache äußere und innere Infragestellung gültiger Werte und der bisher bewährten Lebens-, Denk- und Erziehungsmuster. Dieser Prozess, in Deutschland unübersehbar in Gang, zeitigt inzwischen „Ent-Wurzelungen“ ungeahnten Ausmaßes. Umbrüche, Traditionsabbrüche und das Zerbrechen traditioneller Ordnungen und Beziehungsgeflechte sind an der Tagesordnung. Das Phänomen beginnt beim Trend zum Single-Dasein und findet seine Fortsetzung bei den Familien, wo durch Trennung und Scheidung scharfe Schnitte vollzogen, gültige Lebensentwürfe zunichte gemacht und Menschen aus der Bahn geworfen werden, oft mit harten Folgen für alle Betroffenen - ganz zu schweigen von neuen Familienstrukturen (Patchworkfamilien, Homo-Ehe). Gruppen und Vereine, die das kulturelle Leben einmal bestimmt haben, verlieren an Bedeutung und kämpfen mangels Zulauf ums Überleben. Ähnlich geht es den Parteien, da das politische Interesse schrumpft. Auf wirtschaftlicher Seite werden durch die Globalisierung ganz neue Maßstäbe gesetzt, mit oft negativen Auswirkungen, wie aus den massenhaften Pleiten und den stets neuen Skandalen zu ersehen ist. Diese Entwicklung macht erst recht nicht Halt vor dem geistigen Bereich. Schwindendes Wertebewusstsein - in einer Umwelt, in der „alles möglich“ ist und „alles erlaubt“ scheint - wird sichtbar an wachsender Aggressionsbereitschaft und Gewalt sowie an zunehmender (Jugend-)Kriminalität. Der Einfluss von Religion und Kirche in der Öffentlichkeit schwindet dahin, religiöse Indifferenz macht sich breit bei gleichzeitiger Attraktivität fremder Religionen und vielfacher (pseudo-)religiöser Angebote. „... das ist sehr übel für sie: Der Wind verweht sie.“ Es überrascht nicht, dass Menschen in dieser unübersichtlichen Umbruchssituation nicht wissen, wo sie hingehören und was für sie Geltung hat. Die Sicherheit geltender Ordnungssysteme ist dahin: Alles ist fraglich, alles ist offen. Der Verlust der „Wurzeln“ – abstrakter gesagt: dessen, was bisher das Leben getragen und genährt hat – wirft sie in eine „geistige Heimatlosigkeit“ ohnegleichen. Die so oft beklagte Halt- und Orientierungslosigkeit ist die Folge. Menschen, die ungefestigt ihrer Wirklichkeit ausgeliefert sind, geraten ins „Schwimmen“ und „Schleudern“; auf der Suche nach Halt und Maßstab können sie nur da und dort ausprobierend zugreifen und sich bestenfalls vorübergehend ansiedeln. Sie laufen Gefahr, irgendwelchen Scharlatanen oder Rattenfängern auf den Leim zu gehen – wenn nicht sowieso „der Wind sie verweht“. Wurzeln und Flügel Ein Leben ohne Gewissheit, woran ich mich halten kann, ist unerträglich. Daher steht es dem Katholischen Bildungswerk gut an, im Sinne „kultureller Diakonie“ der erkannten Entwicklung der Entwurzelung in unserer Gesellschaft ein Gegengewicht entgegenzusetzen. Zur ganzheitlichen Bildung des Menschen gehört ja gerade, zu wissen, aus welchen Wurzeln existenzieller, kultureller oder religiöser Art er gespeist ist und woraus er schöpft. Ein breites Angebot an Veranstaltungen, die darauf zielen, verschüttete und gekappte Wurzeln wieder zu entdecken oder gar eine neue Einwurzelung zu ermöglichen, steht in diesem Programmheft zur Verfügung. Saint-Exupérys Parabelausschnitt macht in seiner Schlichtheit klar, dass wir Menschen ohne Wurzeln nicht leben können. Andererseits lässt uns bloßes Verwurzeltsein die Wirklichkeit nicht bestehen, zu deren unabdingbaren Merkmalen der rasche Wandel der Verhältnisse gehört. Daher sollten Kinder – so lautet eine alte Pädagogenweisheit – zwei Dinge von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel. Denn das Spannende, geradezu Paradoxe an unserer Existenz besteht in dem „unmöglichen Versuch, Wurzeln zu haben und dennoch uns fortzubewegen“ (Silvia Strahm Bernet). Dazu braucht es, auch noch im Erwachsenenalter, beides: Wurzeln und Flügel. Zuerst aber Wurzeln.

 

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