Unerwartete Chancen - unerwartete Kraft

Ein paar Gedanken zum Schwerpunktthema 2014 - von Paul Schlegl


Der Autor ist Dipl. Pädagoge, Dipl. Sozialpädagoge, Organisationsberater und Leiter des KEB-Bildungswerks RT

„Man plant und macht, und dann kommt doch alles anders ...“ – wer kennt das nicht? Und trotzdem wissen wir, dass strategisch denken, planen und organisieren wichtige Tätigkeiten sind, um bestimmte Ziele zu erreichen und Erfolg damit zu haben. Sie gehören zum Handwerkszeug menschlichen Gestaltens in der heutigen Zeit und tragen dazu bei, dass persönliche Lebensläufe, aber auch Organisationen, Unternehmen und ganze Gesellschaften entwickelt werden können. Wenn aber blockierender Stress, geistige Enge oder zwanghaftes Fixiertsein die Haltung und das Handeln prägen, zeigt die Erfahrung, dass das geplante Vorgehen und Strukturieren zu kurz greifen kann. Verkrampfungen führen häufig in Sackgassen. Kleinkarierte Planungen bringen kleinkarierte Ergebnisse hervor. Bürokraten suchen sich eben ihre Opfer. Und was gut gemeint war, muss nicht gut sein.
Geistige Weite und innere Gelassenheit entwickeln hingegen Flexibilität und einen Sensor für das Unvorhergesehene und Unerwartete, denn auch diese Realität bestimmt unser Leben; Vieles ist Zufall, es fällt einem einfach zu. „Die Vergangenheit hat mich gedichtet. Ich habe die Zukunft geerbt. Mein Atem heißt jetzt.“ Rose Ausländer sensibilisiert mit ihrem Gedicht für die Chance des Augenblicks.

Lässt man sich durch Unerwartetes nicht aus der Fassung bringen, sondern setzt sich kreativ mit den neuen Impulsen auseinander, so lassen sich Möglichkeiten entdecken, die weiterführen. Plötzlich entsteht neue Kraft und Energie, die bewegt, gut tut, ansteckt und die Attraktivität steigert. Neue Verbindungen und Netze werden geknüpft.

Wer sich dabei nicht nur an die innerweltliche Optik bindet, kann unerwartete Fügungen als Geschenk Gottes begreifen, als Gnade, die einem zuteil wird. Entwicklungen und Veränderungen, die den eigenen Horizont übersteigen, können auf größere Zusammenhänge hin gedeutet werden. Mit ihnen geht der Glaube einher, nicht allein und ausgeliefert zu sein an die innerweltlichen Gesetze und Zwänge. Wer um die eigenen Begrenzungen weiß und diese auch annehmen kann, kann zu einer Einstellung tiefer Dankbarkeit, aber auch zu innerer Gelassenheit und Ruhe gelangen. „Ich bin ein Sünder, den der Herr angeschaut hat. Ich bin einer, der vom Herrn angeschaut wird.“ so Papst Franziskus über sich selbst im Stimmen-der-Zeit-Interview im Sommer 2013. Einzugestehen, dass man fehlbar ist, ist eine ungewöhnliche Haltung für einen Papst und lässt aufhorchen.

Das Unerwartete ist beispielsweise verbreitetes Prinzip in der modernen Kunst, in der das kreative Gestalten prozesshaft verstanden wird. Ein Bild wird nicht von Anfang bis zum Ende durchkonstruiert, sondern begonnen, betrachtet und weiterentwickelt. Neue Fügungen und Wendungen sind Bestandteile des künstlerischen Prozesses. Und dann kann sich diese Herangehensweise beim Betrachter des Bildes fortsetzen, der plötzlich Dinge entdeckt, an die der Künstler niemals dachte.
Die innere Heilung ist Anliegen der Kunsttherapie, die mit ihren Methoden dazu ermutigt, auf diese Weise neue Erfahrungen zu machen und generell neue Möglichkeiten zu entdecken, die zu neuer Kraft führen.

Unerwartete Chancen – unerwartete Kraft: Aus günstigen – häufig überraschenden - Zeitpunkten (Kairos) entstehen neue Dynamiken im Großen wie im Kleinen, die zur Hoffnung Anlass geben: das Aufbegehren in der arabischen Welt und anderswo, ein Papstwechsel in Rom, ein Stellenwechsel im Beruf, ein Führungswechsel nach einer Wahl, ein Durchbruch am runden Tisch, neue Kontakte, eine neue Beziehung ... Lustvolles Lernen und Entdecken ermöglicht in solch günstigen Zeiten, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, ein Gespür für die Vielfalt an Perspektiven und die Freude am Experimentieren zu entwickeln. Gebraucht werden allemal Menschen mit Visionen, die etwas riskieren und die andere anstecken können.

 

Zuflucht noch hinter der Zuflucht
Für Peter Huchel

Hier tritt ungebeten nur der wind durchs tor
Hier ruft nur gott an

Unzählige leitungen lässt er legen
vom himmel zur erde

Vom dach des leeren kuhstalls
aufs dach des leeren schafstalls
schrillt aus hölzerner rinne
der regenstrahl

Was machst du, fragt gott

Herr, sag ich,
es regnet,
was soll man tun

Und seine antwort wächst
grün durch alle fenster

Reiner Kunze

 

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