Neu starten, neu beginnen!

Gedanken zum KEB-Schwerpunktthema 2013 - von Maria Dombrowsky

Die Autorin ist Dipl. Pädagogin, Bildungsreferentin, Familienbeauftragte

Es muss doch anders und besser werden, wenn neu begonnen wird! So lautet meistens der gedachte und manchmal auch geäußerte Anspruch bei einem Neubeginn. Doch wie setzt man dies um?

Im Sport, in der Leichtathletik gibt es einen Neustart nach einem Fehlstart. Ausgelöst wird er durch einen Sportler, der beispielsweise zu früh losläuft. Er hält die nervliche Anspannung nicht aus, zu warten, bis das Startsignal kommt. Überrascht war ich zu erfahren, dass es seit 2009 bei internationalen Wettkämpfen in der Leichtathletik sofort zur Disqualifikation kommt, wenn man zu früh startet. Ein einziger Frühstart vor dem legitimierten Beginn disqualifiziert bereits? Ich darf mir keinen Fehler erlauben, wenn ich ins Ziel kommen will und sich meine wochenlange intensive Vorbereitung lohnen soll. Welche immense Geistesgegenwart wird da verlangt? Worauf muss ich achten, wie schule ich meine Sinne, meine Konzentrationsfähigkeit? Wie bereite ich mich innerlich vor, um genau im richtigen Moment präsent zu sein, um keine Sekunde zu früh zu starten?

Ein Lebenseinschnitt, ein Sturz, ein Schicksalsschlag - ausgelöst durch welche Lebensumstände auch immer, bewirkt eine Zwangspause. Ich kann innehalten, um nachzudenken, damit ich diese einschneidende Erfahrung dazu nutze, in meinem Leben oder in meiner Einstellung dazu etwas zu ändern. So kann ich künftig in anderer, vielleicht auch einfach bewussteren Weise meinen Weg fortsetzen, ihn neu beginnen. In allen Lebensbereichen und Situationen habe ich die Wahl, wie ich mich dazu verhalte bzw. mich gedanklich dazu einstelle.

Ich kann auch einfach durchstarten, wieder und wieder aufs Neue, bis gar nichts mehr geht, wenn ich den Fehler im System nicht erkenne. Vielleicht brauche ich dann diese Erfahrung des immer Gleichen, der Wiederholungen desselben, bis der Zeitpunkt für mich gekommen ist, überhaupt eine Änderung zu wollen und sie anzugehen. Albert Camus sprach bei dem griechischen Helden Sisyphos, der verdammt war, den Stein immer und immer wieder den Berg hochzurollen, sogar davon, dass wir uns „Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen“ können. Es wäre jemand, „dem es das Herz ausfüllt“, diese immerwährende Aufgabe ständig zu wiederholen im Kampf gegen den Gipfel.

Für einen bewussten Neustart braucht es Mut und Ermutigung. Was gibt mir Zuversicht und Kraft, etwas in meinem Leben zu ändern, anders und besser zu machen als vorher? Was gibt mir Sicherheit, in mir selbst und im Außen, um neue Gedankengänge zuzulassen und neue Verhaltensweisen, Lebensweisen auszuprobieren? Was brauche ich dafür an Unterstützung? Es gibt die selbstgewählten „Schnitte“ im Leben und die schicksalhaft Zugemuteten. Letztere können zerstören, aber auch unbekannte Kräfte mobilisieren. Innehalten – ob Zwangspause oder gedankliche Unterbrechung – das Innere versucht Halt zu bekommen im Vergleich von alten und neuen Antworten. Was passt noch, was hat die Erfahrung des Lebens an Gedanken und Wirklichkeiten inzwischen überholt? Manchmal heißt dies auch einfach, die Orientierungslosigkeit aus-zu-halten, den Zustand des Nicht–mehr-wie-bisher und des Noch-nicht-wissen-wohin und darauf vertrauen, wie es Lao-Tse zugeschrieben wird: „Wer innehält erhält innen Halt.“

Wenn ich inneren Halt habe, kann ich nachdenken und Raum schaffen für neue Perspektiven und Einsichten. Diesen Raum zu haben, ihn wahrzunehmen und ihn zu nutzen, erlebe ich manchmal auch als Luxus und Privileg. Es gibt ihn nicht automatisch im Alltagsgetriebe, in dem Sachzwänge oder für manche Menschen auch der bloße Überlebenskampf den Lebenstakt angeben.

Neu starten – es ist und bleibt eine Verheißung, ein Wagnis – trotz Innehaltens und Nachdenkens! Ich muss mich loslösen von alten Einsichten, Sicherheiten und Glaubenssätzen. Wohin der Neustart führen wird, was neu möglich sein wird und was nicht, kann ich nicht im Detail vorausplanen. Ich muss es ausprobieren! Ein Neustart, ein mich in Bewegung bringen, schafft aber immer schon neue Perspektiven, neue Blickwinkel, wenn ich die Augen dabei offen halte.

Was sich alles mit so einem Neustart verbindet, erlebe ich in manchen Situationen noch immer, nachdem ich vor einem Jahr hier beim Bildungswerk als Familienbildungsreferentin begonnen habe. Damals wählte ich für die ersten Veranstaltungen des „Offenen Treffpunkts Lernort Familie – Treffpunkt Alleinerziehende“ den Titel „Einen neuen Anfang wagen“ und vieles ist noch immer unbekannt, unwägbar.
Neu starten – es ist und bleibt ein Wagnis im Vertrauen auf die christliche Zusage, dass jederzeit eine Umkehr möglich ist, eine neue Chance geschenkt ist und ich nicht beim ersten Fehlstart disqualifiziert werde.

 

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