Der Wert des Menschen

Gedanken zum Schwerpunktthema 2003 von Bernhard Bosold. Der Referent für Gymnasien im Bischöflichen Schulamt ist auch ehrenamtlicher Vorsitzender des Katholischen Bildungswerks Landkreis Reutlingen e.V.

"Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?" Psalm 8 Der Wert des Menschen ist unantastbar. Halt! Das muss doch heißen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Richtig. Und damit sind wir mitten im Thema. „Wert“: Das verbinden wir im Zusammenhang mit „Mensch“ fast automatisch mit Würde, mit sittlichem Wert. Der Mensch hat das Recht auf Selbstbestimmung. Er ist Person, das heißt jederzeit Zweck und darf nicht zum Mittel gemacht werden. So formulierte es der Philosoph Immanuel Kant. Doch wir kennen auch einen anderen Wert-Begriff. Was ist etwas wert? Das heißt dann soviel wie: Was kostet es? – Wenn wir mit dieser ökonomischen Frage an den Menschen herangehen, bekommen wir ganz andere Dinge in den Blick, und wir merken, dass wir teilweise sehr materialistisch denken und empfinden: Was „kostet“ es, ein gesundes Baby zu bekommen? Wie viel ist eine Niere wert? Was kostet die Pflege eines Kranken? Im Bereich der Medizin und der Genetik stoßen wir unablässig auf ethische Grenzfragen: Wann beginnt das Leben des Menschen? Wann endet es? Muss ich es erhalten um jeden Preis? Und wir bekommen ungeahnte Möglichkeiten in den Blick und neue Fragen: Darf man den Menschen genetisch verändern? Die einen träumen vom „Übermenschen“, die anderen verkünden „das Ende des Menschen“. Was bin ich wert? Wer die Frage so stellt, hat wieder einen anderen Blickwinkel. Jetzt geht es nicht um Kosten, Nutzen und Gewinn, sondern um meine Stellung in der Gesellschaft, um mein Selbstwertgefühl. Jeder Mensch möchte dazu gehören, wichtig sein, anerkannt werden. Doch dieses Grundbedürfnis wird oft enttäuscht, am nachhaltigsten vielleicht, wenn ein Mensch arbeitslos wird. Hier wird ihm bedeutet: Es geht auch ohne dich, du wirst nicht gebraucht. Doch das Problem der wechselseitigen Anerkennung und damit des Selbstwertgefühls hat auch andere Aspekte. Wird Familienarbeit und Kindererziehung anerkannt? Hat Bildung einen Wert jenseits vermarktbarer Fertigkeiten? Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Diese Frage des Psalm 8 reicht noch tiefer, wenn wir über den Wert des Menschen nachdenken. Hier geht es nicht mehr um Ökonomie und ethische Grenzfragen, auch nicht mehr nur um das Selbstwertgefühl des Menschen. Hier geht es um die Stellung des Menschen überhaupt. Um sein Woher und Wohin, um Verlorenheit und Geborgenheit. Diese Frage hat eine religiöse Dimension. Seit einigen Jahren ermöglicht uns das Hubble-Teleskop Blicke bisher unvorstellbarer Qualität in die Tiefen des Weltalls. Wenn wir uns klar machen, was wir hier sehen, kann es uns überkommen, dieses Gefühl grenzenloser Verlorenheit. Die Sonne ist nur ein winziger Punkt, einer von etwa 100 Milliarden Sternen „unserer“ Milchstraße. Durch sie mit ihren 50.000 Lichtjahren Durchmesser hindurch schauen wir hinaus, längst weiter als bis zu unserer Nachbar-Galaxis in 500.000 Lichtjahren Entfernung. Unser Hubble-Blick reicht 15 Milliarden Lichtjahre zurück, und so wissen wir, dass auch „unsere“ Galaxis nur eine ist unter Milliarden anderen, die unregelmäßig über den Raum verteilt sind, der sich immer noch mit Lichtgeschwindigkeit ausdehnt. Das Gefühl der Verlorenheit, das sich angesichts dieser Erkenntnisse einstellen kann, hat schon Reinhold Schneider vor über einer Generation zum Ausdruck gebracht: Das Schweigen der unendlichen Räume überfordert uns. Wir ertrinken in den unendlichen Dimensionen des Raumes und der Zeit. Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? - Wir erinnern uns an die biblische Schöpfungserzählung, an ihre Rede von der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Diese Geschichte ist und bleibt uns ein Stachel im Fleisch, wenn wir verzweifeln, aber auch, wenn wir den Menschen auf seine Nützlichkeit reduzieren, ihn nur noch als Kostenfaktor sehen oder über neue „Regeln für den Menschenpark“ spekulieren. Was ist etwas wert? Was bin ich wert? Wenn wir über diese Fragen nachdenken, stoßen wir auf brennende ethische Probleme. Tiefer jedoch reicht die damit gestellte existentielle Frage: Was ist der Mensch? Wer sind wir? Was glauben wir? Das Schwerpunktthema des Jahres 2003 lädt uns ein, über diese Fragen nachzudenken.

 

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