Schnitt! Innehalten. Nachdenken. Neu starten

Gedanken zum Schwerpunktthema 2013 als Anregung für die Gestaltung eigener Lernwege - von Paul Schlegl
Der Autor ist Dipl. Pädagoge, Dipl. Sozialpädagoge, Organisationsberater und Leiter des KEB-Bildungswerks RT.

Ein Schnitt sorgt für Unterbrechung. Wenn wir zurückblicken merken wir, dass Einschnitte unseren Lebenslauf kennzeichnen. Ursachen können Krisen sein, aber auch das Bedürfnis, einfach mal einen Stopp einzulegen, nachzudenken, durchzuschnaufen. Einschnitte können ganz unterschiedlich aussehen.
Schneiden gehört zum Handwerk verschiedener Berufe. Der Schnitt bringt etwas in Form; zum Beispiel die Hecke im Garten, das schöne neue Kleid, die attraktive Frisur. Durch gute Schnitte entsteht Spannung im Film. Der Chirurg kann mit einem gekonnten Schnitt Leben retten.
Der Schnitt verdeutlicht, dass es nicht mehr so weitergeht. Er ist auch ein Gestaltungsmittel, das verbessert und verschönert.

Schnitte können sich auf einzelne Menschen beziehen, aber auch auf Gruppen und Organisationen, auf Kirche(n), Gesellschaft und Politik. Mal werden sie aus freien Stücken gesetzt, mal kommen sie schicksalhaft, mal sind sie eine Notbremse, mal werden sie erzwungen oder erkämpft. Wer sich bewusst auf solche Unterbrechungen einlässt, wer die innere Stärke dazu hat, kann einen Gewinn daraus ziehen, denn sie können heilsam sein.

Ein Dreischritt legt sich nahe: Innehalten. Nachdenken. Neu starten.
Dies sind Tätigkeiten, um Wege zu finden, die aus Krisen herausführen, um sich neu zu orientieren, um kreativ und konstruktiv mit Herausforderungen umzugehen:

  • Das Hamsterrad und die Hektik unterbrechen.
  • Das zur Starrheit gewordene Immerschon überwinden.
  • Die Durchhänger und Motivationskrisen bewältigen.

Sich mal zurückziehen, Ruhe und Entspannung suchen und von außen draufschauen kann in solchen Situationen und Prozessen ebenso wichtig und wertvoll sein, wie zusammen mit anderen neu sehen lernen, Begleitung und Unterstützung einholen, gemeinsam neue und andere Möglichkeiten entdecken.
Und dann wissen wir Computermenschen ja mittlerweile, dass ein Neustart das Durcheinander ordnen und einen Fortgang eröffnen kann. Aus frischen neuen Gedanken entstehen neue Bedingungen und Strukturen. Weite Horizonte, die aus der Enge führen, stärken die Motivation und Energie und wecken Hoffnung.
Auf seine Zen-Praxis hin angesprochen antwortet der Jesuiten-Pater Niklaus Brantschen: „Ich kann und will nicht überzeugen. Ich kann Menschen einladen, sich auf den Boden zu setzen und still zu werden. Und dann schauen, was sich ergibt. Das ist gerade der Unterschied zur Moral, die vorschreiben will, was gut ist und was nicht. Ich kann den Leuten einen bestimmten Weg vorschlagen und schauen, was passiert.“

Schnitt und Unterbrechung – das hängt zusammen. „Unterbrechung ist die kürzeste Definition von Religion“, so der Theologe Johann Baptist Metz. Heraustreten aus dem Alltag, sich mystisch vertiefen, sich besinnen und anders verhalten, die Verhältnisse ändern ...
Hermann Hesse schildert anschaulich die Scheu, aber auch die religiöse Sehnsucht des modernen Menschen: „Ja, dort drüben! Schon hier, in meinem schönen, stillen Dorf, auf meinem Hügel, in meinem Walde, wage ich Gott nicht zu denken, berühre nicht seine Hand, höre nicht seinen Schritt – ich suche ihn drüben, überm See, hinter dem leichten Nebel. Und wie erst, wenn ich nun in einer unserer Städte wäre, in München, in Zürich, in Stuttgart, in Dresden? Wo ist da ein Ort, an dem ich mich nicht schämte und erschräke, wenn dort Gott mir begegnete?“

(Neu)Orientierungen führen in die Tiefe. Sie ermöglichen Freiheit, sich von Unzumutbarem nicht unterdrücken zu lassen, gleichzeitig aber auch mit dem unumgänglich Zugemuteten in einer hoffenden Haltung umzugehen.

 

Gedicht ohne Telefon

Die Hoffnung geht barfuß
durch die Welt. Sie ist schon
angekommen, wenn wir gerade
aufbrechen. Wir müssen
ihr entgegen gehen, und
sie stützen, damit sie nicht
zusammenbricht. Wir
müssen immer wieder
ihre wunden Füße heilen. Wohin
sie auch geht, sie kehrt
zum Ende zurück, das
wir für den Anfang hielten.

Franz Hodjak
geboren 1944 in Hermannstadt (Rumänien)

 

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