Orte freien Denkens

Gedanken zum KEB-Schwerpunktthema 2012 "Teilhabe schafft Vertrauen" von Dorothee Kluth

Dorothee KluthDie Autorin ist Dipl. Theologin, Supervisorin (DGSv), Lehrsupervisorin, Fachreferentin für Organisationsentwicklung und Prozessbegleitung sowie stellv. Leiterin der keb DRS

Teilhabe (griechisch methexis = Mit-sein) ist nie Selbstzweck, obwohl sie nach den Kriterien der Französischen Revolution eben das sein sollte: egalitè und damit gleichmäßige Teilhabe der Bürger an allen politischen und gesellschaftlichen Aufgaben gemäß der Menschenrechte. Teilhabe ist heute immer zielgerichtet: in der Wirtschaft zur Effizienzsteigerung, in der Politik soll sie zur Aufhebung von Politikverdrossenheit und höherer Akzeptanz von politischen Entscheidungen führen (Negativ-Beispiel : Stuttgart 21). Einzig bei den Piraten zeigt sich Teilhabe um der Teilhabe willen, allerdings mit dem Ziel der Entwicklung von Schwarm-Intelligenz, deren Entstehen eher ein Desiderat ist als eine Tatsache.
Teilhabe begegnet in Bürgerbeteiligungen und –initiativen, in Mitbestimmung am Arbeitsplatz, im Interessensverband. Im pädagogischen Bereich entwickeln Jugendliche Hausregeln mit, in Schulen konkretisiert sich Partizipation in der organisierten „Schülerverwaltung“. Als neueste Form zeigt sich die E-Partizipation – eine örtlich ungebundene Beteiligungsform übers Internet.

Grundsätzlich ist Teilhabe die Voraussetzung moderner Demokratien. Die mit der repräsentativen Demokratie entwickelte Form der Teilhabe-Delegation ist solange unproblematisch, wie die Repräsentanten das Transparenz-Gebot einhalten. Akzeptanz beruht auf Vertrauen, braucht entweder unmittelbare Teilhabe oder erhöhte Transparenz der Entscheidungsgründe, -wege und –resultate.

Schauen wir auf die katholische Kirche, ergibt sich im Blick auf Teilhabe ein sehr gemischtes Bild. Im Neuen Testament wird immer zuerst auf das Liebesgebot verwiesen, auf die Gleichheit aller und auf die Einbindung gerade auch der Schwächsten. Ein besonderes Beispiel dafür ist die Bezeugung der Herrenmahlsüberlieferung (1 Kor). Als Mahnung gedacht, hat dieser Bericht seinen Ausgangspunkt gerade in der mangelnden Teilhabe der ärmeren Gemeindemitglieder: die einen hungern, während die anderen fressen und saufen. Teilhabe ist hier die Voraussetzung für die Zukunft des Gottesreichs und für die Hoffnung des Einzelnen. Teilhabe wird nicht gewährt, sondern sie ist notwendig unter Menschen, die auf einem gemeinsamen Weg sind. Dagegen steht das hierarchische System, obgleich das II. Vaticanum bereits vor 50 Jahren wieder einmal den Weg zu den Ursprüngen gewiesen hatte: der Communio-Gedanke und „Gaudium-et-spes“ machen aufmerksam, dass Christen ebenso teilhaben am Glück und an den Sorgen aller Menschen. Solche Gedanken hat es innerhalb der Kirche immer wieder gegeben, z.B. in Aufbrüchen durch Ordensbewegungen oder in der Befreiungstheologie.

Angesichts der hierarchischen Überformung von Kirche bis in die Gegenwart, ist es umso erstaunlicher, dass auch heute noch Menschen sich innerhalb der Kirche als Ehrenamtliche engagieren. Nach der Duisburger Ehrenamtsstudie von 2011 steigend, die Kirche steht dabei an 2. Stelle hinter dem Bereich Sport.

Ehrenamtliche tragen das System Kirche, sie prägen das Leben in und außerhalb, sie bringen ihre Lebenswelten hinein, zumindest zeitweise. Diese Menschen zu begleiten und zu unterstützen ist Auftrag und Aufgabe der Hauptamtlichen: gegen wachsende Mutlosigkeit und Frust, der durchaus kommen kann, angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen aus Rottenburg und Rom.

Teilhabe und Ehrenamt bedeuten heute nicht mehr lebenslange Bindung an Strukturen und Organisationen. Vielmehr steht:

  • Projekteinsatz – und nicht für immer
  • Ressourcenorientierung - und nicht Hilfsarbeiter der HA
  • Selbstverantwortung – sich einbringen, ausprobieren, Verantwortung übernehmen
  • Gute Qualifizierung - als Zeichen der Wertschätzung

Angesichts zunehmender Fragmentierung geht es darum, Menschen die Fähigkeiten wieder zu geben, in Ansätzen Sozialität zu leben, um ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Dahinter steht der Gedanke, dass verantwortliche Teilhabe nicht nur der Gesellschaft nutzt, sondern im Sinne einer Sensibilisierung auch zur menschlichen Entwicklung beiträgt.

Innerhalb der Kirche ist dies in der keb möglich. Als Verein bürgerlichen Rechts organisiert schafft diese Vereinsstruktur eine Plattform, die quer zur hierarchischen Struktur funktioniert. Nicht ganz losgelöst, aber Beispiele zeigen, dass hier ein Spielraum ist. Aufmerksam machen auf Missstände, Gegenpositionen formulieren, neues Ausprobieren, das ist hier möglich.

In Prozessen selbstgesteuerten Lernens ist der Einzelne Lehrer und Lernender zugleich, ist selbstverantwortlich für den eigenen Lernprozess. In den Fortbildungen der keb erwerben Menschen Kompetenzen wie Reflexions- und Partizipationsfähigkeit, kreative Konfrontation von Tradition und Gegenwart. Sie erleben soziale Erfahrungsräume und Ausdrucksformen der Menschen unserer Zeit, lernen, der eigenen Person auf die Spur zu kommen: Wenn ich mich besser kenne, kann ich auch besser andere Menschen verstehen.

Die keb ist ein Ort freien Denkens, ein Ort, an dem Menschen sich einbringen, innehalten, reflektieren und Neues probieren, auch neue Formen von Kirche. Wir nehmen das Konzil ernst und wir lernen von sogenannten weltlichen Prozessen. Unsere Kompetenz ist die Wahrnehmung dessen, was sich gesellschaftlich tut, als Seismographen für drängende Fragen. Wir haben keine fertigen Antworten, aber wir machen transparent, warum wir was tun und schaffen so Vertrauen.

 

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