Aufbrüche

Gedanken zum Schwerpunktthema 2001 von Bernhard Bosold. Der Autor ist Vorsitzender des Bildungswerk-Trägervereins und beruflich Studiendirektor und stellvertretender Schulleiter des Johannes-Kepler-Gymnasiums Reutlingen.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Diese Zeilen aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse sind bekannt. Und sie sind wahr. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Aufbrüche und Anfänge haben etwas Erotisches, sie faszinieren uns, fordern uns heraus, wecken, was in uns steckt. Wir stehen am Anfang eines neuen Jahrtausends. Vieles ändert sich, und wir ahnen, dass wir das Ausmaß des weltgeschichtlichen Umbruchs, in dem wir stehen, noch gar nicht richtig begriffen haben. Der Fall der Berliner Mauer und das Ende der Sowjetunion; das Internet und die neue Informationstechnologie; die Globalisierung der Wirtschaft; das Näherrücken fremder Kulturen und Religionen. Beflügelt uns dieser Umbruch? Macht er uns Angst? „Was verstehen Sie unter Glauben? Was heißt für Sie Mystik?“ Auf diese Frage antwortete der Benediktinerpater Anselm Grün bei einer Veranstaltung von „Menschen und Themen“ im Reutlinger Spitalhofsaal: „Mystik und Glauben hängen für mich eng zusammen. Sie meinen das Offensein für das je größere Lebendige. Sie meinen das, was der Theologe und Psychologe Peter Schellenbaum als ‚auf der erotischen Spur bleiben‘ bezeichnet.“ Offen sein für das je größere Lebendige. Auf der erotischen Spur bleiben. Wenn uns das gelingt, sehen wir in Umbrüchen nicht nur das Bedrohliche, das uns Angst macht, sondern erfahren sie als Herausforderung, die weckt, was in uns steckt. Wer auf der erotischen Spur bleibt, hat ein waches Herz und einen aufmerksamen Verstand. Er/sie sieht das Faszinierende im Ungewohnten und Neuen und versteht es als Einladung, selbst mitzuwachsen. In diesem Licht eines lebendigen Glaubens sehen wir in vielen bedrohlichen Entwicklungen auf einmal faszinierende Perspektiven: Drei möchte ich nennen: Europa, Gesellschaft, Kirche(n). Perspektive Europa Polen, Tschechien und Ungarn sind auf einmal wieder unsere Nachbarn. Wir teilen mit ihnen eine lange Geschichte. Es ist Zeit, dass wir uns erinnern und neugierig werden. Dass wir die geschichtlichen und kulturellen Wurzeln, die tiefer reichen als Naziterror und Stalinismus, wieder entdecken. Aufklärung, Menschenrechte, Menschenwürde, jüdisch-christliche Religion und griechische Philosophie, römische Architektur und römisches Recht: Europa hat eine faszinierende Kulturgeschichte. Wenn wir sie zusammen mit unseren Nachbarn erneut entdecken, werden wir zugleich für die zusammenwachsende Weltgesellschaft den besten Beitrag leisten. Wer sich seiner deutschen, europäischen Kultur sicher ist, ist offen für Neues und er braucht nicht verkrampft und missverständlich von „Leitkultur“ zu faseln, um von der eigenen Angst abzulenken. Perspektive Gesellschaft Das Rentenproblem ist noch nicht gelöst, und die Arbeitslosigkeit haben wir noch nicht im Griff. Die Zukunft des Sozialstaats ist noch nicht gesichert angesichts der global ablaufenden Wirtschaftsprozesse. Doch auch hier gibt es nicht nur Grund zum Jammern, sondern auch Signale eines neuen Aufbruchs, eines neuen sozialen Verantwortungsgefühls. Die Bereitschaft, ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen und sich sozial zu engagieren nimmt zu. Wie die Projekte „Vesperkirche“, „Reutlinger Tafel“ und „Reutlinger Spendenparlament“ zeigen, ist das auch in unserer Region der Fall. Perspektive Kirche Auch hier gibt es nicht nur Niedergang, obwohl sich die Kirchengemeinden in einem Prozess der Austrocknung zu befinden scheinen. Das Interesse an existenziellen Fragen (Liebe, Tod und Sterben, Erziehung, Glück, gelingendes Leben) ist groß. Der moderne Mensch startet Suchbewegungen nach Sinn, nach alten Weisheiten, Wissens- und Glaubensinhalten, die es neu zu entdecken gilt. Freilich gibt es auch Erwartungen an die Qualität der Reflexion und des Nachdenkens: Sie sollte dem heutigen Lebensgefühl und Problembewusstsein standhalten. So ist es wohl zu verstehen, dass das „Credo-Projekt“ der Zeitschrift „Publik-Forum“ auf große Resonanz stößt: Viele Menschen glauben, dass sie glauben. Nur möchten sie ihre religiöse Sehnsucht mit der eigenen Lebenserfahrung verbinden; sie möchten sich auch in Sachen Glauben und Kirche als Subjekte erfahren und nicht als Objekte der Betreuung und Belehrung. Europa. Gesellschaft. Kirche: Hier stecken faszinierende Perspektiven und Aufbrüche. Auch und gerade für die kirchliche Erwachsenenbildung. Vorausgesetzt, wir bleiben „auf der erotischen Spur“.

 

» zurück zur Übersicht Archiv

Höhle in den USAPilgerndes PaarGeöffnete Tür - Blick ins WeiteWaldlichtungAuf dem Jakobsweg