Teilhabe schafft Vertrauen

Einige Gedankensplitter für ein weites Feld des Lernens und Gestaltens

Gedanken zum KEB-Schwerpunktthema 2012 von Paul Schlegl
Der Autor ist Dipl. Pädagoge, Dipl. Sozialpädagoge, Organisationsberater und Leiter des KEB-Bildungswerks RT.


Sprache ist verräterisch. Sie gibt Aufschluss über den Zeitgeist, aber auch wie sich das Bewusstsein ändert. In der Erwachsenenbildung war beispielsweise lange vom Hörer die Rede. Der Veranstaltungsbesucher sollte eben reichlich mit Stoff abgefüllt werden. Teilnehmer ist heute der gängige Begriff, der diesem eine aktivere Rolle zuspricht. Getoppt wird diese Sicht mit dem neuen Wissen, dass der Lernende sein Lernen selbst steuert. Oben und unten dominier(t)en in der pädagogischen Staats- und Kirchensprache, markiert durch Begriffe wie Unterricht oder Glaubensunterweisung. Recht antiquiert, weil viel zu passiv, hört sich nach wie vor im beruflichen Lernen die Rede vom Auszubildenden an.

In der Forderung nach mehr Selbst – und Mitbestimmung ist ein neuer gesellschaftlicher und internationaler Schub entstanden, der sich auch auf die Befindlichkeit und auf die Sprache auswirkt (Volksbegehren, Bürgerbeteiligung, Occupy-Bewegung, Kirchenkrise usw.). Die Menschen wollen ihr Leben eigenverantwortlich gestalten und sie wollen nicht nur alle paar Jahre an Wahlen teilnehmen. Sie wollen teilhaben, mitreden, direkt Einfluss nehmen. Bereits 1951 wies die Philosophin Hannah Arendt darauf hin, dass das Fundament aller Menschenrechte die Teilhabe in einer politischen Gemeinschaft sei.

Der Wunsch nach Teilhabe basiert auf einem partnerschaftlichen Menschenbild. Man/ frau nimmt teil am Geschehen und gestaltet mit. Teilhabe schafft Kompetenz und Gleichberechtigung. Hermann Hesse beschrieb dieses von der Einzigartigkeit jedes Menschen geprägte Bild eindrucksvoll: „Jeder Mensch ist aber nicht nur er selbst, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar und jeder Aufmerksamkeit würdig.“

Nicht wahr- und ernstgenommen werden und mangelnde Teilhabe führen zur Verdrossenheit mit Politik, Kirche, autoritären Organisationen. Beteiligung ermöglicht Begegnung, Lernen, Bewegung, Demokratie. Intensives Engagement, gute Arbeit und wirkliche Teilhabe gehören zusammen. Sich Aufmerksamkeit zu schenken und Erfahrungen (mit) zu teilen, sind wichtige Grundlagen dafür, dass neue Qualitäten des partnerschaftlichen Miteinanders entstehen können. Der Chemiker und Nobelpreisträger 1981 Roald Hoffmann erklärte seinen Erfolg nicht ausschließlich mit persönlicher Neugier, Kreativität und analytischen Fähigkeiten. Was ihn von anderen Kollegen unterscheide, sei sein Einfühlungsvermögen: „Ich besaß immer ein ganz gutes Gespür dafür, welche Schwierigkeiten meine Kollegen im Labor plagten – auch wenn sie es gar nicht sagten. Und genau dieses Problem habe ich dann gelöst.“

Angst bremst, klammert und blockiert. Angst, dass etwas aus dem Ruder läuft, nicht mehr beherrschbar ist, der eigene Machtanspruch verloren geht. Angst steht im Widerspruch zum Vertrauen in die Zukunft, zum Teilen und zum Glauben, der loslassen kann aus dem Bewusstsein heraus, getragen und nicht allein zu sein. Der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein zeigt in seinem Buch „Der Sinn des Gebens“, dass das Sozialleben in einer Zivilgesellschaft blüht, wenn Menschen bereit sind, sich für gemeinsame Ziele einzusetzen. Moral und Vertrauen entstehen von unten her und Korruption und Misswirtschaft sind auf Dauer chancenlos. Politiker, die ihre Position ausnutzen, können sich in einer solchen Umgebung nicht lange an der Macht halten. In einer Kultur des Teilens werden Barrieren abgebaut, so dass sich jede/r an den Früchten des Wissens bedienen darf. Stefan Klein: „Die Menschheit steht heute vor enormen Herausforderungen, Zusammenarbeit im globalen Maßstab gelingen zu lassen. Lösungen, die allein am Eigeninteresse einzelner Personen, Konzerne oder Staaten ansetzen, sind gescheitert. Uns bleibt wenig Zeit. Der Preis des Misslingens wären katastrophale Entwicklungen wie die ungebremste Erwärmung des Planeten, unkontrollierbare Flüchtlingsströme, Kriege um Ressourcen.“

Das Christentum ist die Religion der Teilhabe. Ihre Verweigerung ist Ursache dafür, dass es kräftig knirscht im kirchlichen Gebälk. Der Mensch hat teil an der Schöpfung Gottes, die er mitgestalten soll. Das gemeinsame Mahl, in dem das Brot und der Wein geteilt werden, ist tiefer spiritueller Ausdruck christlicher Gemeinschaft (communio).
Der Mensch, der sich mitteilt, der im Austausch und Dialog ist, sieht über sich hinaus und steht idealerweise in Verbindung mit Gott, der selbst dynamisch (dreifaltig) ist und sich offenbart. Die Vorstellung von und die Forderung nach Teilhabe benötigen eine geistig-spirituelle Orientierung, um selbstbewusst, nachhaltig, zielorientiert, unverkrampft, humorvoll, zugewandt, gelassen und vertrauend wirken zu können.

 

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