Protest gegen eine Haltung, die klein macht und begrenzt.

Gedanken zum Schwerpunktthema 2011 "Vertrauenskrise: Couragiert eigene Wege gehen" von Ulrike Neher-Dietz
Die Autorin ist Pastoralreferentin in der Citykirche Reutlingen und arbeitet im Team „Zukunft der Kirche“ mit.

 

Was Menschen bewegt, das ist nicht mehr zu überhören und zu übersehen und schon gar nicht mehr zu ignorieren. Die „bleierne“ Zeit des schockiert Seins, der Ohnmacht und des resignativen Wartens auf Änderung ist aufgebrochen. In vielen Bereichen hat sich die Unzufriedenheit Luft gemacht und Gehör verschafft. Die tiefgehende Vertrauenskrise in Politik und Kirche hat eine neue Dimension erreicht.

Bei Demonstrationen gegen Stuttgart 21, gegen Castortransporte und die Atompolitik, für ökologische Landwirtschaft oder gegen Rechtsradikalismus – überall zeigt(e) sich ein neues Bild: Landauf, landab machen die Menschen deutlich, dass sie unzufrieden sind mit einer Politik, die sich an den Interessen Mächtiger orientiert. Darunter sind viele, die zum ersten Mal ihre Unzufriedenheit öffentlich machen und für ihre Vorstellungen und Bedürfnisse auf die Straße gehen. Gefordert werden verantwortliche Politiker und eine verantwortete Politik um des Menschen Wohl. Auch die Bilder aus Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien, von Menschenmassen, die vom Wind des Wandels ergriffen worden sind, prägen diese Zeit.

Auch in der katholischen Kirche machen Menschen deutlich, dass sie zutiefst unzufrieden, verletzt und enttäuscht sind. Sie erleben eine Kirche, die im Widerspruch lebt zu dem, was sie im Evangelium selbst verkündet: Menschenfreundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit. Dieser Vertrauensbruch und Glaubwürdigkeitsverlust hat eine Kirchenflucht von bisher ungekanntem Ausmaß ausgelöst. Ganze Familien haben der Kirche den Rücken gekehrt, auch viele Menschen, die bisher aktiv mitgestaltet haben. Sie haben der Kirchenleitung ihre Gefolgschaft gekündigt oder haben ihr Glaubensleben privatisiert, um es vor der Institution zu schützen. Das im Februar erschienene Memorandum der Theologen „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“ war für diejenigen, die noch nicht aufgegeben haben, auf einen Neuanfang zu hoffen, ein Licht am finsteren Himmel. Stellvertretend für viele fassten sie die dringende Reformbedürftigkeit ins Wort.

Ins Wort fassen und aussprechen, was bewegt und umtreibt, das ist ein erster Schritt zur Veränderung aus Lähmung und Resignation. „Wir müssen den Menschen die Möglichkeit geben sich zu äußern“, das war der Impuls für die offene Vortragsreihe zur „Zukunft der Kirche“ und der damit verbundenen Fragebogenaktion in der Seelsorgeeinheit Reutlingen Südwest. Die Rückmeldungen auf den 120 Fragebögen sind sehr persönlich und sehr berührend. Sie machen offenbar, in welchem Spagat viele Menschen in dieser Kirche leben: zwischen der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Heimat und Teilhabe und der Erfahrung von tiefen Verletzungen und unglaubwürdigen Strukturen. Spürbar ist die große Sorge, dass nichts vorangeht in der Kirche zu drängenden Themen wie: die strukturelle Benachteiligung von Frauen; der unbarmherzige Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen; die nicht zeitgemäße und unglaubwürdige Sexualmoral; die Ökumene, die hinter dem zurückbleibt, was möglich und nötig ist; der Zölibat der Priester, der nicht mehr als besonderes Zeichen wahrgenommen und verstanden wird. Die Ergebnisse der Umfrage sind ein wertvolles Zeugnis und Dokument, das von einem intensiven Wunsch nach Veränderung zeugt. Was Menschen bewegt, das ist nicht zu ignorieren. In diesem Sinne wurde das Umfrageergebnis an Bischof Gebhard Fürst und den Diözesanrat übergeben als ein Beitrag zur begonnenen Dialoginitiative in unserer Diözese.

In den Worten des Jesuiten Roman Bleistein SJ (1928-2000) drückt sich meine Hoffnung aus für den Dialog und die Zukunft unserer Kirche: „Ich träume von einer Kirche, die nicht immer auf die Antworten aus Rom wartet, sondern sich auf den schöpferischen Geist verlässt, der allen Christen, Frauen und Männern gegeben ist“.
Als Geschöpfe Gottes sind wir mit seinem Geist beschenkt. Er verleiht Vertrauen in die eigene Kraft unabhängig davon, welches Amt oder welche Stellung ein Mensch innehat. Er befähigt zum praktischen Optimismus, der an die Kraft zum Guten glaubt. Umso wichtiger ist es, miteinander dort pfleglich und stärkend umzugehen, wo man entschlossen ist, den Dingen nicht ihren Lauf zu lassen, vielmehr sich kritisch-konstruktiv einmischt und couragiert neue Wege sucht und geht. Der christliche Glaube ist ein Protest gegen eine Haltung, die den Menschen klein macht und begrenzt hält. Er ist Protest gegen die Verzagtheit des Menschen.

Sie sind eingeladen, selbst zu formulieren, was menschenwürdig, ehrlich und gerecht ist, für sich selbst, für unsere Gesellschaft und für unsere Kirche.

 

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