Vertrauenskrise: Couragiert eigene Wege gehen

Gedanken zum KEB-Schwerpunktthema 2011 von Bernhard Bosold
Der Autor ist Schuldirektor i.K. und Referent für Gymnasien im Bischöflichen Schulamt sowie ehrenamtlicher Vorsitzender des KEB-Bildungswerks Kreis Reutlingen.

 

„Vater Staat“ und „Mutter Kirche“ geht es schlecht. Wie die Ereignisse um Stuttgart 21 und die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche zeigen, gibt es sowohl im politischen Bereich als auch im kirchlichen eine tief reichende Vertrauenskrise.

Politikerinnen und Politikern fällt es offensichtlich schwer, ihre Arbeit und ihre Entscheidungen verständlich zu machen. So entsteht der Eindruck, sie lebten abgehoben und ohne Bezug zur Lebensrealität der Bürgerinnen und Bürger. Statt dessen, so die verbreitete Meinung, bedienten sie allzu leicht und bereitwillig die Interessen mächtiger Lobbys, handele es sich um die der Pharmaindustrie oder die der großen Energieversorger. Konsequenz dieser Entwicklung ist ein verbreitetes Misstrauen in „die da oben“ und die Besorgnis erregende Zahl von Nichtwählern. Sie machen bei Bundestags- und Landtagswahlen inzwischen mehr als ein Drittel aus.

Auf den Missbrauchsskandal, der durch den Jesuiten-Pater Klaus Mertes, Schulleiter des renommierten Canisius-Kollegs in Berlin, ins Rollen gebracht wurde, haben die katholischen Bischöfe in Deutschland nach anfänglichem Zögern klar und entschieden reagiert. Die neuen Richtlinien über den Umgang mit sexuellem Missbrauch können sich sehen lassen. Gleichzeitig mit den Missbrauchsfällen ist aber erneut der große Reformstau in der katholischen Kirche bewusst geworden, der seit Jahren viele Kirchenmitglieder zum Austritt oder zum stillen Rückzug bewegt hat. Auch hier gibt es Verletzungen und eine tiefe Vertrauenskrise.

Ich erinnere mich noch gut an die Stimmungslage, als wir Frühsommer 2010 im Vorstand des Bildungswerks das neue Schwerpunktthema für das Jahr 2011 suchten. Ein beklemmendes Gefühl hatte sich breit gemacht. Überall Krisen. Würde der Euro standhalten? Die finanziellen Schwierigkeiten Griechenlands hatten es nötig gemacht („alternativlos“), einen 700 Milliarden Euro schweren Rettungsschirm zu konstruieren. Gleichzeitig sprudelte im Golf von Mexiko die Ölquelle seit drei Monaten und es schien kein Mittel zu geben, sie zu stoppen. Und die katholische Kirche kam und kam nicht aus den Schlagzeilen. Ein Hauch von Weltuntergangsstimmung lag in der Luft.

Tatsächlich sind die Herausforderungen, vor denen wir stehen, enorm: Klimawandel, Energiepolitik, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Wir wissen, dass wir unseren Lebensstil nachhaltig ändern müssen, wenn wir wollen, dass auch unsere Kinder und Enkel noch lebenswert und menschenwürdig leben können sollen. Wir brauchen in unserer Gesellschaft und weltweit eine neue Sensibilität für Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Von der Kirche erwarten wir zu diesen Fragen, die den Zusammenhalt der Gesellschaft, ja das Überleben der Menschheit betreffen, mutige und wegweisende Worte. Doch bis jetzt ist sie überwiegend mit sich selbst beschäftigt und sie tut sie sich schwer damit, den Reformstau im innerkirchlichen Bereich aufzulösen. Die Seelsorge ist personell in einer tiefen Krise. Viele Gemeinden haben keinen eigenen Pfarrer mehr. Der Pflichtzölibat als Voraussetzung zum Priesteramt wird zunehmend problematisch. Der kirchenrechtliche Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten erscheint vielen als unbarmherzig. Frauen fühlen sich seit langem zurückgesetzt und ungerecht behandelt, obwohl sie vor Ort auf allen Ebenen das Gemeindeleben tragen. Die Ökumene hinkt deutlich hinter dem Stand her, der möglich wäre.

Couragiert eigene Wege gehen: Ist das die angemessene Antwort auf diese Herausforderungen in Gesellschaft, Staat und Kirche? Ich denke ja.

„Tapferkeit“ (Courage, Mut) ist eine wichtige menschliche Tugend. Schon Platon und Aristoteles zählen sie zusammen mit „Klugheit“, „Gerechtigkeit“, „Maß“ zu den vier Kardinaltugenden (Schlüsseltugenden), die erforderlich sind, um sowohl das eigene Leben wie das der Gesellschaft menschlich und zukunftsfähig zu gestalten.

Tapferkeit ist also weder blauäugiges Verdrängen der Gefahr noch eitle Rechthaberei. Sie äußert sich in Standhaftigkeit, in der Fähigkeit, eine eigene Überzeugung zu gewinnen und sie mit Augenmaß, Gerechtigkeitssinn und Klugheit zu verfolgen.
Das wird auf Dauer nicht möglich sein, ohne innere Kraft, Vertrauen und Zuversicht. Dies wiederum zeigt, dass Tapferkeit und Courage auch einen inneren Bezug zu den anderen drei großen Tugenden haben, die die „göttlichen“ genannt werden: Glaube, Hoffnung und Liebe.

 

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