Erwachsenenbildung in bewegten Zeiten - Mitgliederversammlung 2010

Die Jahresmitgliederversammlung 2010 der Katholischen Erwachsenenbildung Bildungswerk Kreis Reutlingen e.V. (KEB) tagte im Mai im Reutlinger Augustin-Bea-Haus, nahm die Berichte des Vorstandes entgegen, verabschiedete den Haushalt, wählte den Vorstand neu und befasste sich in ihrem Studienteil mit dem Schwerpunktthema 2010 „Weil es aufs Menschenbild ankommt“. Referent war der Leiter der KEB in der Diözese Rottenburg-Stuttgart Dr. Michael Krämer, Stuttgart.

In seinem Bericht vor den Delegierten aus Kirchengemeinden, Gruppen, Verbänden und kooperierenden Institutionen erinnerte der Vorsitzende des Trägervereins Schuldirektor Bernhard Bosold an das letztjährige Schwerpunktthema „Beim Namen nennen – beim Namen rufen“. In diesem Rahmen ging die Reutlinger KEB schon Anfang 2009 auf die Missbrauchsproblematik in der katholischen Kirche ein. Gastreferent war der Theologe und Psychologe Dr. Wunibald Müller, der im Rahmen der Menschen-und-Themen-Zeitgespräche in den Spitalhofsaal nach Reutlingen gekommen war. Müller, Leiter des Recollectio-Hauses Münsterschwarzach, informierte unter anderem differenziert über Pädophilie. Er unterstrich, wie wichtig es ist, dass auch zölibatär lebende Priester sich ihrer Sexualität bewusst werden und sie annehmen, da sie sonst unbewusst und destruktiv wirke.

Bernhard Bosold nahm in seinem Bericht generell Stellung zur gegenwärtigen Krise der katholischen Kirche und forderte bezüglich der sexuellen Missbräuche umfassende Aufklärung und tief reichende Besinnung und Umkehr. Ein wesentlicher Grund für die Krise und für den Skandal sei das tief verwurzelte Handeln nach Kirchenraison. Amtsträger neigten dazu, das Wohl und das Ansehen der Kirche über alles zu stellen. Bosold: „Katholische Erwachsenenbildung hat in dieser Situation eine doppelte Aufgabe. In die Kirche hinein muss sie die Erwartung und die Notwendigkeit vermitteln, sich jetzt nüchtern und demütig diesen Fragen zu stellen. Nach außen hat sie plausibel zu machen, warum wir den christlichen Glauben und mit ihm die Kirche in unserer Gesellschaft brauchen.“

Auch an die anderen öffentlichen Zeitgespräche im letzten Jahr erinnerte der Vorsitzende: im Februar 2010 mit Berthold Schenk Graf von Stauffenberg und im Jahr 2009 noch mit dem Bestellerautor Dr. Peter Prange und dem Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim Prof. Dr. Ludwig Eichinger.
Das innovative Bildungsprojekt „Lebenswert – Lernort Gemeinde“ fand im vergangenen Jahr seinen Abschluss. Daraufhin hat nun der KEB-Vorstand ein neues zweijähriges Projekt „Lernort Familie“ beschlossen, das sich mit neuen Perspektiven für die Familienbildung befasst und mit einer halben hauptamtlichen Stelle ausgestattet ist.

Bildungswerkleiter Paul Schlegl informierte in seinem Bericht über die KEB-Leistungsstatistik in 2009: 11.042 Unterrichtseinheiten wurden eingefahren. Das war ein Plus von 2,2%. Die Gesamtzahl der Teilnehmer/innen betrug knapp 52.000.

Das KEB-Erscheinungsbild sowie die Werbe- und Informationsmedien wurden 2009/10 neu gestaltet und verbessert.
Ein Kunsterlebnis der besonderen Art gab’s unter dem Motto “Take part in art” im Oktober 2009 in der Peter-und-Paul-Kirche in Reutlingen. Mit Unterstützung eines renommierten Projektkünstlers gestalteten die 80 Mitwirkenden an großen Leinwänden mit den liturgischen Farben Bilder. Musik, Literatur und Wahrnehmungsübungen ergänzten die Malaktion. „Dieser Nachmittag zog Groß und Klein, Alt und Jung, Kirchennah- und –fernstehende an. In der Kirche erinnern gemeinschaftlich hergestellte Kunstwerke noch lange an dieses Event“, so Schlegl
Unterstützung des bürgerschaftlichen-ehrenamtlichen-freiwilligen Engagements ist eine herausragende Aufgabe des KEB-Bildungswerks. Der Leiter wies darauf hin, dass neben verschiedenen Dienstleistungen in der Programmsparte „Treffpunkt Lernen“ jährlich Fortbildungsveranstaltungen und Coaching angeboten werden, die regen Zuspruch erfahren und die in Reutlingen auch mit der städtischen Ehrenamtsakademie vernetzt sind.

Auch Paul Schlegl ging auf die zugespitzte Krise der katholischen Kirche ein. Die Dimension der Problematik hat sich stark ausgeweitet. Es dreht sich nicht mehr ausschließlich um sexuellen Missbrauch vorwiegend von Priestern. Die Kirche hat drastisch an Ansehen und Autorität verloren, was auch damit zusammenhängt, dass sie unter einem riesigen Reformstau leidet. Seit vielen Jahren zeigen die negativen statistischen Entwicklungen, dass sich immer mehr Menschen von der Kirche abwenden und dass sie in immer weniger Milieus präsent ist. Gerade in der Katholischen Erwachsenenbildung werden schon seit langem Themen deutlich, die kirchlichen Handlungsdruck verdeutlichen, beispielsweise die Gleichbehandlung der Frauen, eine menschenfreundlichere Sexualität, mehr Mitbestimmung von Laien und eine geschwisterliche Kirche. Schlegl sprach sich dafür aus, dass eine „ausgeprägte Kultur des Schweigens durch mehr Kommunikation überwunden werden sollte und dass Veränderungen noch deutlicher eingefordert werden sollten.“

Die KEB-Mitgliederversammlung wählte dieses Mal ihren Vorstand neu. Zunächst wurden die scheidenden Dr. Sieglinde Braig-Bücher, Elli Salzbrunn und Johannes Wolf verabschiedet. Bestätigt im Amt wurden der Vorsitzende Bernhard Bosold, Reutlingen, und sein Stellvertreter Albert Gnädinger, Münsingen. Als Beisitzer wählte die Versammlung Ernst Bodenmüller, Pfullingen, Alfons Eckmann, Reutlingen, Lena Heiligenmann, Reutlingen, Cornelia Hosp, Pfullingen, sowie Vera Thorwarth, Bad Urach. Dekan Robert Widmann gehört dem Vorstand qua Amt an.

„Weil es aufs Menschenbild ankommt“– lautet das KEB-Schwerpunkthema in 2010. Die Delegierten befassten sich damit im Rahmen des Studienteils zu Beginn der Versammlung und konnten als Referenten den Theologen, Literaturwissenschaftler und Leiter der KEB Diözese Rottenburg-Stuttgart Dr. Michael Krämer, Stuttgart, begrüßen.

Er zeigte Vorstellungen vom Menschen seit der Antike und verdeutlichte, dass in der christlich-jüdischen Tradition der Einzelne in seiner Bedeutung eine enorme Aufwertung erfuhr. Kennzeichnend ist dabei die Dialektik zwischen „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“ und der Erkenntnis, dass Gott immer anders ist (Bilderverbot). Deshalb dürfen auch die Vorstellungen vom Menschen nicht zwanghaft sein. Krämer: „Der Mensch ist ein stets fragender, suchender. Fragen stößt Entwicklungen an und macht zukunftsfähig. Wo immer Menschen mit Antworten zufrieden waren, wo Antworten da waren selbst auf Fragen, die niemand gestellt hatte, da kam es zur Erstarrung und oft genug auch zur Instrumentalisierung von Menschen.“ Erwachsenenbildung hat – laut Michael Krämer – dabei die Aufgabe, den fragenden, suchenden, auch leidenden Menschen zu begleiten und achtsam zu sein für die Prophetie der eigenen Zeit und der eigenen Gesellschaft.

 

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