Einsatz für eine bessere Welt

Gedanken zum Schwerpunktthema 2005 „Lust auf Zukunft! - Kräfte spüren, Kleinmut überwinden“ von Thomas Münch Der Autor ist Dipl. Theologe und Dipl. Pädagoge. Er ist tätig als Dekanatsreferent für die kath. Dekanate Reutlingen und Zwiefalten.

„Lust auf Zukunft!“ – ein provozierender Appell angesichts der weit verbreiteten Resignation, Mutlosigkeit und Lethargie. Und dies in Zeiten des Umbruchs, in denen wir uns ja befinden – wie lange eigentlich schon? Umso deutlicher tritt diese Handlungsunfähigkeit zu Tage, je tiefgreifender die Probleme, die der Lösung bedürfen. Und davon haben wir fürwahr reichlich: Die soziale Sicherung ist gefährdet, längst ist ein Arbeitsplatz keine Selbstverständlichkeit mehr, die PISA-Studie deckt eklatante Versäumnisse im Bildungswesen auf. Allüberall sind Strukturendebatten im Gang: Bündelung und Konzentration der Kräfte durch Zentralisierung bzw. Regionalisierung mit der Perspektive, gerade dadurch die lokale Verankerung zu gewährleisten – wie immer auch das funktionieren soll. Auch die Kirchen werden von derartigen Prozessen nicht verschont: Die enger werdende Finanzdecke zwingt zu gravierenden Veränderungen, lieb Gewordenes oder über lange Jahre Gewachsenes muss hinterfragt, möglicherweise aufgegeben werden. Dabei zeigt sich im Blick auf die dunkel anmutende Zukunft immer wieder Unsicherheit und Ängstlichkeit. Freilich: Angst ist ein schlechter Ratgeber, und so sind nicht wenige Lösungsversuche oftmals von Kleinmut geprägt. Demgegenüber mehren sich Appelle, um dieser resignativen Haltung gegenzusteuern. Erst jüngst forderte der EU-Ratspräsident Jean-Claude Juncker einen „mutigen Blick in die Zukunft“. Ungebrochen auch die Sehnsucht nach Glück und Erfüllung; die Büchertische voller Ratgeber für die „Suche nach Glück“ geben ein beredtes Zeichen. Nur: Sind diese individuellen Glücksmomente tragfähig für die anstehende Zukunftsbewältigung? Verhelfen sie zur „Lust auf Zukunft“? Oder werden dadurch nicht Fluchtwege geschaffen, die geeignet sind, genau diese Anforderungen auszublenden? Fraglich, ob diese Suche nach dem individuellen Glück dazu verhilft, die eigenen „Kräfte zu spüren“. Diese Zielformulierung weist ja über den eigenen Horizont hinaus. Denn meine Kräfte machen sich bemerkbar, werden wirksam in der Beziehung zu meiner Umwelt. Selbstverständlich bedarf es der Selbstvergewisserung, um die eigenen Kräfte auszuloten und zu entfalten. Und dazu bedarf es der Anregungen, der Impulse von außen. Im sozialen Miteinander erfahre ich mich so als Individuum mit seinen je eigenen Kräften und Fähigkeiten. Diese Erfahrungen speisen sich aus unterschiedlichen Kraftquellen: Einkehr und (Selbst-)Besinnung, die Entwicklung der persönlichen Identität und das Bewusstwerden der eigenen kulturellen Wurzeln, die Vergegenwärtigung von Alltags- und Welterfahrung durch Bildung, die Deutung von Wirklichkeit auf dem Hintergrund von (Glaubens-)Überzeugungen. Faszinierend finde ich hier die Rede Jesu von der falschen und rechte Sorge (vgl. Mt 6, 31-33): „Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? ... Euer himmlischer Vater weiß, was ihr alles braucht. Euch aber muß es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen, dann wird euch alles andere dazugegeben.“ Was als Aufruf zu einem „Leben im Hier und Jetzt“, zu einem bewussten Leben und Erleben anmutet, enthält eine immens gesellschaftliche Dimension: Gefordert ist der Einsatz für eine „bessere“, „gerechte“ Welt. Freilich im Bewusstsein, dass mir das, was ich dazu an Kraft und Energie benötige, gegeben wird. Diese Überzeugung ermöglicht, die Zukunft mit „gelassener Leidenschaft“ anzugehen (Norbert Greinacher, langjähriger Professor für Praktische Theologie in Tübingen). Dazu verhilft die Erkenntnis der eigenen Grenzen und deren Akzeptanz, das Wissen um das Mögliche und das Nötige, ein geschichtliches und kulturelles Bewusstsein. Alles Ziele einer ganzheitlich orientierten Bildungsarbeit – wie sie sich auch in diesem Halbjahr wiederum im Impulseprogramm widerspiegelt. „Lust auf Zukunft!“ – selten war Lust-Gewinn ein so bewusster Akt!

 

» zurück zur Übersicht Archiv

Höhle in den USAPilgerndes PaarGeöffnete Tür - Blick ins WeiteWaldlichtungAuf dem Jakobsweg