Wenn wir uns selbst mit unserem Namen und unserer Persönlichkeit einbringen.

Gedanken zum KEB-Schwerpunktthema 2009 von Petra Zellhuber-Vogel Die Autorin ist Diplom-Pädagogin und führt eine Praxis für berufliche Beratung, Supervision und Coaching. Sie ist Mitglied im SWR-Rundfunkrat und stellvertretende Vorsitzende des Programmbeirats des Ersten Deutschen Fernsehen. Ferner arbeitet sie im Menschen-und-Themen-Team des KEB-Bildungswerks mit.

Können Sie sich vorstellen, einen anderen Namen anzunehmen? Vielleicht werden Sie sagen, meinen Nachnamen habe ich sowieso schon einmal geändert; vielleicht entsteht auch ein Widerstand und Sie spüren, dass Ihr Name weit mehr ist als „Schall und Rauch“.

Zunächst sind es die Eltern, die sich Gedanken machen, welchen Namen sie ihrem Kind geben wollen. Während es in früheren Generationen wichtig war, wenigstens einen Vornamen aus der Ahnenreihe zu wählen, wird heute eher darauf geachtet, dass der Name zeitgemäß und individuell ist. Mit der Wahl des Vornamens wollen die Eltern bestimmten Wünschen und Vorstellungen für ihr Kind Ausdruck verleihen – z.B. soll das Kind die Tradition der Familie fortführen oder es soll einen ganz besonderen Platz einnehmen usw.

Nicht umsonst gibt es die Redewendung „wie eine Nummer behandelt werden“, nämlich namenlos und nicht wie eine Person, nicht wie ein Mensch. Die Namenlosen sind eine unspezifische Menge. Erst der Name holt jeden von uns aus der Anonymität heraus. Ein Lehrer beispielsweise weiß ein Lied davon zu singen, dass er eine Klasse erst dann führen kann, wenn er die Namen der Schüler und Schülerinnen kennt. Und natürlich weiß er auch, dass es manchmal ausreicht, nur einen Namen zu nennen, um für Ruhe zu sorgen. Andererseits wird an diesem Beispiel auch deutlich, was es heißt, wenn man einen Namen nicht kennt, so wie es das berühmte Märchen „Rumpelstilzchen“ transportiert: „Ach wie gut, dass niemand weiß…“. Den Namen zu wissen, kann also auch etwas mit dem Ausüben von Macht zu tun haben.

Nomen est omen heißt ein altes Sprichwort. Der Name Omen? Ein Zeichen, eine Bedeutung? Der Name prägt. Ob wir es wollen oder nicht. Über die Nennung unseres Namens werden wir erkannt, aber auch erinnert. Sei es in der Familie oder in der Gesellschaft. Die Nennung eines Namens erinnert an die Geschichten und Erfahrungen, die andere mit diesem Menschen verbinden oder gehört haben. Wer „sich einen Namen gemacht hat“, hat bessere Chancen, erinnert zu werden. Das lässt sich ganz leicht in der Geschichtsschreibung nachvollziehen. Die Namen der Menschen, die aufgeschrieben worden sind, werden in unser Bewusstsein gerufen und deren Geschichten können bewusstseinsbildend wirken. Die Namen, und das heißt die Personen, die nicht vorkommen, leisten keinen Beitrag, kommen nicht ins Bewusstsein, bleiben „bewusst-los“. Aber nicht nur die anderen, sondern auch jede Person selbst verbindet mit ihrem Namen ihr Bild von sich selbst. Wer mit falschem Namen angesprochen wird, fühlt sich nicht gemeint, ist irritiert, mitunter auch sauer, weil wir mit unserem Namen unsere Unverwechselbarkeit verbinden.

Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie will ich mich mit meinem Namen leben? Welchen Ausdruck, welche Gestalt lebe ich? Wenn wir uns im Laufe unseres Lebens immer wieder diesen Fragen – bewusst oder unbewusst – stellen und nach immer wieder neuen Antworten suchen, verbinden wir uns immer wieder aufs Neue mit uns selbst. Das fördert und stärkt unser Selbstbewusstsein. Dieser Prozess der Selbstvergewisserung ist letztlich auch ein Zusammenspiel zwischen innen und außen. Wer mit seinem Namen angesprochen wird, kann sich seiner selbst bewusst werden und sich selbst erkennen, indem er oder sie erkannt wird. Jemanden beim Namen nennen oder rufen, bedeutet in diesem Sinne auch, die persönliche Geschichte des anderen aufzurufen, an sie zu erinnern und sie fortzuführen.

Zu sich selbst finden, zu sich selbst stehen, sich selbst annehmen, sich selbst leben, sich selbst sein: auch wenn wir den eigenen Namen nennen und aussprechen, transportieren und fördern wir Identität. Es gibt viele Spielarten, mit dem eigenen Namen umzugehen. Flüstern, rufen, präsentieren, einfach nennen… Jede Vorstellungsrunde, z.B. in einer Seminarveranstaltung, lädt uns dazu ein, auch uns selbst mit unserem Namen und unserer Persönlichkeit einzubringen. Probieren Sie es aus.

 

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