Offener Brief des Katholischen Dekanats Reutlingen-Zwiefalten an die Jüdische Gemeinde Reutlingen vom 09.02.2009

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Entsetzen haben wir, die Dekanatsleitung und die Leiter/innen der katholischen Einrichtungen im Dekanat Reutlingen-Zwiefalten, die "völlig inakzeptablen Aussagen, mit denen Bischof Richard Willliamson die Verbrechen der Nationalsozialisten an den Millionen jüdischer Menschen leugnet und die Shoah in Frage stellt" (Bischof Dr. Gebhard Fürst), zur Kenntnis genommen. Da der Vatikan die Piusbruderschaft, zu der auch Richard Williamson gehört, wieder in die Kirche aufnehmen will, teilen wir mit unserem Bischof die Sorge, "dass diese Vorgänge zur äußeren und inneren Entfremdung zahlreicher Gläubiger von der Kirche, zu einem Vertrauensverlust besonders der jüdischen Schwestern und Brüder gegenüber der Kirche sowie zu einer erheblichen Störung des christlich-jüdischen Dialogs geführt haben."

Wir stellen unmissverständlich klar, dass die Leugnung oder Verharmlosung der unmenschlichen Gräuel des Holocaust menschenverachtend und zutiefst unchristlich ist. Jemand, der sich nicht aus Überzeugung von Aussagen solchen Inhalts distanziert, darf unseres Erachtens nicht in die Gemeinschaft der römisch-katholischen Kirche eingeladen werden.

Der bereichernde und vertrauensvolle Kontakt, der an unterschiedlichen Stellen zur jüdischen Gemeinde Reutlingens gewachsen ist (z. B. anlässlich der Gedenkfeiern zur Reichspogromnacht und beim Katholischen Bildungswerk), ist uns – nicht zuletzt angesichts der deutschen Geschichte und des bis heute nicht überwundenen Antisemitismus in unserem wie in anderen Ländern – ein äußerst kostbares Gut. Dies entspricht im Übrigen der eindeutigen Position von Papst Benedikt XVI. zugunsten des christlich-jüdischen Dialogs, wie Bischof Dr. Gebhard Fürst klarstellt.

Die römisch-katholische Kirche des 21. Jahrhunderts steht nach ihrer eigenen Überzeugung – im Landkreis Reutlingen wie weltweit – auf dem Boden des Zweiten Vatikanischen Konzils, welches die Religionsfreiheit, die Achtung für andere Religionen und "eine neue Würdigung des Judentums sowie eine Vertiefung des Dialogs mit den Juden als unseren 'älteren Schwestern und Brüdern'" (Bischof Gebhard Fürst) betont hat. Mit unserem Bischof teilen wir das Anliegen, "das Zweite Vatikanische Konzil … weiterhin und noch intensiver zu erschließen und zu verwirklichen. Das gilt für das Verständnis und die Gestalt der Kirche, für die Öffnung der Kirche gegenüber sozialen Entwicklungen, der Zivilisation und Kultur der modernen Welt, in der Menschenrechte und Menschenwürde konstitutiv sind. … Das gilt für das klare Bekenntnis zur Ökumene und zur Förderung der Einheit der Christen. Das gilt schließlich und nicht zuletzt für die Liturgie der Kirche … Wer immer sich zur Kirche bekennt, kann nicht wesentliche Grundanliegen des Konzils in Frage stellen."

In diesem Sinne hoffen wir, dass unseren eigenen Kirchenmitgliedern ihre Kirche durch die Rehabilitierung der vier Pius X.-Bischöfe nicht fremd wird und dass unsere Glaubensgeschwister in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) ebenso wie Angehörige anderer Religionen einen differenzierten Eindruck von der römisch-katholischen Kirche bewahren und unserer aufrichtigen Dialogbereitschaft weiterhin vertrauen.

Mit freundlichen Grüßen
für das kath. Dekanat Reutlingen-Zwiefalten:

Robert Widmann Matthias Dangel Manfred Gründken
Dekan Stellvertretender Dekan 2. Vorsitzender Dekanatsrat

 

Mitunterzeichnende:

Die Leiterinnen und Leiter der katholischen Einrichtungen im Landkreis Reutlingen:

· Cäcilia Branz, Hochschul-Seelsorge
· Hermann Rist, Caritas-Zentrum
· Bernd Dammann, Jugendreferat
· Meinrad Dusba, Schuldekanatamt
· Christine Hornstein, Krankenhaus-Seelsorge
· Norbert Kunze, Psych. Beratungsstelle
· Jürgen Mauri, Dekanatskirchenmusik
· Thomas Münch, Dekanatsgeschäftsstelle
· Ulrike Neher-Dietz, Citypastoral
· Paul Schlegl, Kath. Bildungswerk
· Steffen Tröster, Jugendseelsorge

 

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