Beim Namen nennen. Beim Namen rufen.

Gedanken zum KBW-Schwerpunktthema 2009 von Bernhard Bosold Der Autor ist Referent für Gymnasien im Bischöflichen Schulamt Rottenburg und ehrenamtlicher Vorsitzender des Katholischen Bildungswerks Landkreis Reutlingen e.V.

„Das sollte man mal deutlich beim Namen nennen.“ Wer so spricht, sieht etwas, das er für schlecht hält, und er oder sie hat den dringenden Wunsch, dass das einmal klar und öffentlich angesprochen wird.

Wenn Missstände beim Namen genannt werden, dann hat das eine klärende Wirkung, und häufig ist damit auch schon der erste Schritt zur Heilung, wenigstens zur Besserung gemacht. Das gilt für personale Beziehungen im Nahbereich ebenso wie für die Gesellschaft und für globale Zusammenhänge.

An Freundinnen und Freunden schätzen wir, dass sie zu uns stehen, auch und gerade dann, wenn es uns schlecht geht und wir uns unverstanden fühlen. Genauso wichtig aber ist es, dass Freundinnen und Freunde den Mut finden, einander Schattenseiten zu spiegeln und Fehlverhalten offen anzusprechen. „Mut vor dem Freunde“ nannte das Ingeborg Bachmann.

Aus der Behandlung von Suchtkranken wissen wir, dass Wegsehen nicht weiterhilft. Es muss klar beim Namen genannt werden: Du trinkst zu viel. Du flüchtest in Deine Arbeit. Du bist computersüchtig. Erst wenn es klar und unmissverständlich ausgesprochen wurde, erst wenn Verschleierungen und Beschönigungen nicht mehr akzeptiert werden, ist eine Besserung oder Heilung möglich.

Und auch gesellschaftliche Probleme können erst angegangen werden, wenn sie klar benannt sind. Kinderpornografie und sexueller Missbrauch sind nicht tolerierbar. Ihnen muss offen und klar begegnet werden, auch im kirchlichen Bereich. Neo-Nazis müssen unmissverständlich als solche bezeichnet werden. Abwiegeln hilft hier nicht weiter. Es ist schlecht für unsere Gesellschaft, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Besonders bedrückend ist dabei, dass viele Kinder von Armut betroffen sind. „Es ist eine Schande, dass fast eine Milliarde Menschen Hunger leidet“, sagte Ingeborg Schäuble bei der Vorstellung des Berichts der Welthungerhilfe im Oktober 2008. Und ein letztes Beispiel: China hat im Jahr 2008 erstmals mit den USA gleichgezogen, was den Ausstoß von CO2 angeht. In der Sorge um das Weltklima muss China klar beim Namen genannt werden. Allerdings muss genauso klar gesagt werden, dass noch immer jeder Amerikaner durchschnittlich fünfmal soviel CO2 produziert wie ein Chinese. Und wir Europäer müssen uns klar machen, dass wir eine Autodichte haben, die zu ernsten Ressourcen- und Umweltproblemen führen wird, wenn die Menschen in China und Indien für sich reklamieren, was wir für uns als selbstverständlich halten.

„Beim Namen nennen“: Das hat etwas Klärendes, Prophetisches. Es ist allerdings nur dann nicht selbstgerecht, wenn wir selbst uns ebenfalls den Spiegel vorhalten lassen.

„Beim Namen rufen.“ Hier gehen wir einen Schritt weiter. Hier kommt noch einmal eine neue Dimension ins Spiel.

Selbst in einer belebten Fußgängerzone hören wir sofort, wenn jemand unseren Vornamen ruft. Wenn wir beim Namen gerufen werden, wissen wir unmittelbar: „Ich bin gemeint.“ Wir können nicht mehr einfach wegtauchen und in der Anonymität verschwinden. Jede Lehrerin, jeder Lehrer weiß, dass es viel effektiver ist, ein oder zwei Kinder bei ihrem Namen zu rufen als lautstark allgemein Ruhe einzufordern.

Und auch wir können andere beim Namen rufen. „Ja, Dich meine ich.“ Das ist nicht immer nur kritisch gemeint, es kann auch Mut machen. „Ja, lass Dich in die Verantwortung nehmen. Ja, ich traue Dir das zu.“

„Beim Namen rufen“: Das hat schließlich etwas mit Gott zu tun.
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43, 1) Das tröstet uns und gibt uns Halt. Wir sind nicht allein. „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, / ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, / dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ (Psalm 23, 4)
Wer diese Erfahrung macht, weiß was Hoffnung heißt.

„Hoffnung ist nicht Optimismus. Es ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“ (Vaclav Havel)

 

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