Liebe ist Lust auf Leben und Zukunft

Gedanken zum KBW-Schwerpunktthema 2008 "Kraftfeld Liebe" von Reiner App Der Journalist, der als stellvertretender Leiter des Ressorts Politik/Nachrichten beim Reutlinger Generalanzeiger tätig ist, gehört dem Vorstand des Bildungswerks an.

Meine Liebe suchend,

gehe ich durch diese Berge und Auen;

ich pflücke keine Blumen

noch fürchte ich die wilden Tiere,

und überschreiten werde ich Wehre und Grenzen.

Es war zu Beginn der Neuzeit, als der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz diese Strophe seines „Geistlichen Gesangs“ verfasste. Der Text ist kompromisslos und radikal: Die Liebesbeziehung zu Gott ist die höchste Form des Glücks, zu der der Mensch fähig ist. Liebe ist keine weltfremde Schwärmerei, sagt Johannes, sondern sie ist Lebenskunst und Lebenszweck. Gerade deswegen muss sie von ganzem Herzen, mit aller Leidenschaft gelebt werden. Denn Liebe ist Ursprung, Ziel und Weg, sie ist das Geheimnis des Lebens selbst.

Dieses Bekenntnis scheint beklemmend naiv. Doch warum hat es über Jahrhunderte hinweg die Menschen fasziniert? Warum gibt es Tausende Dramen, Opern und Romane, die von der Magie der Liebe künden? Warum singen unsere modernen Jazz-, Pop-, Soul- und Rap-Poeten auch heute noch von dieser ewigen Sehnsucht Liebe? Eben weil sie keine Illusion, sondern Kraftfeld ist, das Musik, Kunst, Philosophie, aber vor allem auch unser ganz alltägliches Leben zu beflügeln vermag.

„Meine Liebe suchend“ – so und nur so können wir aufbrechen. Wir brauchen ein Ziel, sonst finden wir keinen Weg. Globalisierung, Klimakatastrophe, Terrorismus - das Leben ist kompliziert und bedrohlich geworden. „Die Deutschen sterben aus“ – „Das Ölzeitalter am Ende“ – „Europa in der Krise“: Was wir in den Schlagzeilen finden, ist oft mehr als entmutigend. „Das Böse ist immer und überall“, heißt es ironisch in einem Lied der Gruppe „Erste Allgemeine Verunsicherung“. Wer nicht weiß, wohin er will und soll, der sieht links und rechts nur noch „wilde Tiere“, „Wehre und Grenzen“. Christentum will darüber hinaus, es hat ein mutiges Ziel: Gott, die Liebe.

Jedes Leben braucht einen solch starken und eindeutigen Wegweiser. Die Blumen unserer modernen westlichen Welt sind mindestens so schön und verlockend wie diejenigen der Welt des Johannes vom Kreuz. Doch wer diese bunten Blumen pflückt und sich darin verliert, anstatt weiterzugehen, der wird damals wie heute sich selbst verlieren. Wer liebt, der wagt. Er durchquert „Berge und Auen“, durchlebt Wonnen und Seeligkeiten. Vor allem aber schreitet er voran. Wer liebt, der weiß, dass es keine dauerhaften Sicherheiten gibt. Das Glück wird nicht in kleiner Münze ausgezahlt. Es ist ein leuchtender Schatz, der alles relativiert, was an ihn erinnert.

Das Stehenbleiben ist naiv, nicht die Sehnsucht, das ist eine der wichtigsten Lehren des „Geistlichen Gesangs“. Jenes Lied entstand nicht zufällig an der Schwelle zu einer neuen Zeit, da ganze Kontinente entdeckt wurden und die Wissenschaft zu neuen Ufern aufbrach. Die Mystik will gerade nicht, dass wir den Kopf in den Sand stecken, dass wir weltfremd werden und uns in gefühliger Innerlichkeit verstecken. Die Liebe ist „eine Bewegung zum Anderen, die nie zum Selben zurückkehrt“, wie der Philosoph Emmanuel Lévinas sagt. Für wahrhaft Liebende gibt es kein Verharren im Vorurteil über die Geliebte/ den Geliebten. Liebe heißt: sich öffnen sich für das Geheimnis des Anderen, das alles relativiert - sogar das liebende Ich.

„Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen“, sagte einst ein deutscher Bundeskanzler. Genau denselben Abwehrreflex gibt es auch in unserer Kirche. Wer das „Geheimnis des Glaubens“ ernst nimmt, es keiner vorschnellen Erklärung überlässt, sondern als ganz persönliche Herausforderung versteht, gilt als weltfremd. Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt ist durch Gott geschaffen und sie ist Teil des göttlichen Logos – deswegen ist es Christenpflicht, in der Welt zu stehen und sie in all ihren Gesetzen verstehen zu wollen. Nur verweist das Bekenntnis zu Christus den Menschen zugleich auf die Transzendenz. Wer Christsein lebt, der sagt Ja zur eigenen Doppelnatur: zu seinem Ich im Hier und Jetzt und zu seinem anderen Ich in der Perfektion des Jenseits.

Nirgends findet sich diese Polarität schöner illustriert als in den barocken Kirchen, die wenige Jahrzehnte nach dem „Geistlichen Gesang“ des Johannes vom Kreuz entstanden. Dort strahlt die verführerische Sinnlichkeit der Welt in allen Farben und zugleich lockt die majestätisch-goldene Pracht der Ewigkeit. Diese Spannung kann man als unauflösbaren Widerspruch empfinden. Wer sie aber recht versteht, dem wird sie zur persönlichen und zugleich gesellschaftlichen Kraftquelle: Wer liebt, der flieht nicht die Welt – er will sie und sich selbst erkennen und vollenden. Er hat Lust auf Leben und Zukunft. „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein“, sagt der legendäre katholische Theologe Karl Rahner und formuliert damit die zentrale Herausforderung und Chance für unsere Kirche und ihren Bildungsauftrag.

 

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