Lust auf Zukunft! - Kräfte spüren, Kleinmut überwinden

Gedanken zum Schwerpunkttehma 2005 von Bernhard Bosold. Der Referent für Gymnasien im Bischöflichen Schulamt ist auch ehrenamtlicher Vorsitzender des Katholischen Bildungswerks Landkreis Reutlingen e.V.

Lust auf Zukunft? Für viele wird dieses Schwerpunktthema wie eine Provokation klingen: Haben wir nicht allen Grund zur Sorge? Hartz IV, Abbau des Sozialstaats, Globalisierung, Überalterung der Gesellschaft, Klimawandel, Terror, ... Zugleich gilt: Angst lähmt. Und: Angst und Resignation sind keine christlichen Haltungen. Theresa von Avila wusste das, als sie formulierte: „Nichts beunruhige Dich, nichts ängstige Dich: wer Gott hat, dem fehlt nichts. Gott allein genügt.“ Doch wie kommen wir heraus aus der lähmenden Sackgasse? Wie gewinnen wir „Lust auf Zukunft“? Aufmerksamkeit macht dankbar. Wenn Angst von uns Besitz ergreift, sind wir blockiert. Wir sehen nicht mehr, was wir haben, was uns geschenkt ist, wofür wir dankbar sein können. Anders ist das, wenn wir aufmerksam sind, wenn es uns gelingt, die Welt zu sehen, als wäre es zum ersten Mal. Wir merken auf einmal, wie viel wir sonst übersehen und für selbstverständlich halten. Wir sehen die Schönheit der Natur. Wir spüren etwas von der Erotik des Lebens. Es ist eine Lust, zu atmen, sich zu bewegen, zu sehen, zu hören. Wir nehmen die Menschen neben uns wahr, ihre Liebenswürdigkeit, ihre Anmut. Wie finden wir zu dieser Aufmerksamkeit? Auch hierzu können wir viel von spirituellen Menschen wie Theresa von Avila oder Dietrich Bonhoeffer lernen. Den Alltag mit seiner Hektik unterbrechen und zur Stille finden. Die Endlichkeit des eigenen Lebens und den Tod nicht verdrängen, sondern die eigene Lebenszeit als Geschenk wahrnehmen. Den konkreten Anforderungen des Alltags nicht ausweichen, sondern sich ihnen beherzt stellen. „Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag, / Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ (Dietrich Bonhoeffer) Wenn es uns gelingt, loszulassen und still zu werden, können wir erfahren, dass dies mehr ist als ein Vertröstungsspruch für kleine Kinder. Das Leben ist ein ehrfurchtgebietendes Geheimnis. Wir haben teil an etwas, das größer ist als wir selbst. Viele Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass eine Zeit des Fastens und des bewussten Verzichts auf etwas ein guter Weg sein kann, um diese Aufmerksamkeit zu lernen. Wir nehmen erneut wahr, wie köstlich ein frisches Brötchen, ein Schluck Wein sein kann. Und: Wer aufmerksam ist, geht achtsam um mit sich selbst, mit den Menschen um sich herum und mit der Zeit, die ihm/ihr geschenkt ist. Engagement beflügelt. Wer sich an einem Punkt für eine konkrete Sache engagiert wird die Erfahrung machen, dass Engagement beflügelt. Es holt heraus aus der lähmenden Blockade und lässt die eigenen Kräfte spüren. Ich bin nicht ohnmächtig. Ich kann etwas bewirken. Diese Stimmung vertieft sich, je mehr das Engagement gemeinsames Handeln wird. Gemeinsam Verantwortung zu übernehmen schafft Sinn und eine tiefe Befriedigung. Wir spüren, dass wir an etwas mitarbeiten, das größer ist als wir selbst. Herausforderungen wahrnehmen. Im Grunde ist jedes soziale Engagement sinnvoll, weil es uns über uns selbst hinausführt. Als Christen stehen wir jedoch auch unter einem zusätzlichen Anspruch. In der Bergpredigt heißt es: „Sorget nicht ängstlich... Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere dazugegeben.“ (Mt 6, 31-33) Wie können wir diesen Anspruch der Bergpredigt heute für uns buchstabieren? Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft und in der globalisierten Welt: Das ist der Grundimpuls. Heute werden wir nicht nur nach den Armen in unserer Gesellschaft und weltweit fragen müssen, sondern genauer nach den Gewinnern und Verlierern des Globalisierungsprozesses. Und wir werden nach der Gerechtigkeit zwischen den Generationen fragen müssen. Hinterlassen wir unseren Kindern und deren Kindern einen Schuldenberg, der von ihnen nicht mehr zu bewältigen sein wird? Frieden zwischen den Völkern, Religionen und Kulturen: Im Sinne des wachsenden Reiches Gottes ist es notwendig, den Dialog zu pflegen mit Menschen anderer Kulturen und anderer Religionen. Vordringlich ist für uns sicher das Gespräch mit den bei uns lebenden Muslimen und die Auseinandersetzung mit terroristischer Gewalt. Bewahrung der Schöpfung: Nur wenn wir die Ökosysteme der Erde nicht zerstören, bewahren wir die Lebensgrundlage und den Lebensraum für unsere Kinder und Enkel. Klimaschutz, Artenschutz und neue Wege in der Energieversorgung sind deshalb wesentliche Themen. Mit diesem Dreiklang von Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung haben die christlichen Kirchen im Rahmen des konziliaren Prozesses in den vergangenen zwanzig Jahren die Grundforderung der Bergpredigt erneut buchstabiert. Sie zu aktualisieren ist bleibende Herausforderung. Gelassenheit gewinnen. So sehr wir durch Aufmerksamkeit und Engagement beflügelt werden, Kräfte spüren und Kleinmut überwinden: Zukunft ist nicht machbar. Menschen wie Theresa von Avila oder Dietrich Bonhoeffer haben das gewusst. Wir können dem Leben und der Zukunft trauen, weil Gott mit uns auf dem Weg ist. Nur wenn wir diese Glaubenserfahrung und Glaubensgewissheit erneut gewinnen, haben wir die notwendige Gelassenheit für uns selbst und für vernünftiges und umsichtiges Handeln. In wunderbar leisen Tönen hat auch Gottfried Benn in einem seiner letzten Gedichte von dieser Erfahrung gesprochen: Menschen getroffen. ... Ich habe Menschen getroffen, die mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren, am Küchenherde lernten, hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen – und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa, die reine Stirn der Engel trugen. Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Sanfte und das Gute kommt, weiß es auch heute nicht und muss nun gehen.

 

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