Selbstverständnis

Bildung, Weiterbildung, Qualifizierung …

… sind Schlüsselbegriffe in unserer Gesellschaft geworden. Sie zeigen, dass das „Lebenslange Lernen“ Chance, Herausforderung und Aufgabe zugleich ist. Der einzelne Mensch will sich entfalten, Werte, Ziele und Perspektiven für sein Leben finden, Zukunft erschließen. Entsprechendes gilt auch für das Miteinander in Gruppen und für das ganze Gemeinwesen.

Setzt man diese Gestimmtheit und Interessenslage in Bezug zum Selbstverständnis der Kirche, so sind positive Entsprechungen zu entdecken, die verdeutlichen, dass Kirche ein Ort des Lernens sein will; ist doch schon die Bibel mit ihren unzählig vielen „Wegmotiven“ ein klassisches Lehr- und Lernbuch, das zeigt, dass Menschen sich öffnen und auch verändern können.

Was Menschen bewegt …

… so lautet der Slogan des KEB-Bildungswerks. Bei der Suche nach einer geeigneten Formulierung war den Beteiligten wichtig, den Ansatz und das Bildungsverständnis der KEB stimmig und verständlich durchscheinen zu lassen. Nachfolgend dazu einige Gedanken:

Wenn sich etwas bewegt, zieht es Aufmerksamkeit auf sich. Bei Spaziergängen in der Natur können wir das erleben. Durch Bewegung entstehen im menschlichen Leben – nicht nur beim Sport und Fitness – neue Möglichkeiten:

  • Eine (überraschende) Erfahrung geht unter die Haut und beendet den seitherigen Trott…
  • Eine neue Idee kommt zum richtigen Zeitpunkt. Sie hebt die Stimmung und begeistert …
  •  Aus Stillstand wird Bewegung, die zu hoffnungsvollen Aufbrüchen führt…

Der Slogan des KEB-Bildungswerks – Was Menschen bewegt – setzt an Erfahrungen an, die jede/r schon machen konnte: Ich bin bewegt. Ich komme in Bewegung. Ich erlebe Bewegung. Zumeist denken wir an besondere, auch wertvolle Situationen und Prozesse, die Folgen hatten. Wir spüren – oft im Nachhinein -, dass wir mit etwas beschäftigt waren, dass sich etwas verändert, sich weiterentwickelt hat, dass wir einen Schritt vorangekommen sind. Wie es dazu kam, ist nicht immer klar. Meistens waren mehrere Faktoren beteiligt, innere Bereitschaften und äußere Anstöße. Beeindruckt stellen wir fest: Es hat sich bei mir etwas bewegt.

Wer wissen will, was andere bewegt, sollte sich öffnen, Interesse entwickeln, hinzuschauen und auch eine gewisse Risikobereitschaft mitbringen. Gedankenaustausch kommt in den Sinn und anstatt der verbreiteten Praxis, Vorgefertigtes möglichst schnell durchzuziehen, wird sich der zugewandte Mensch auch auf unsortierte (vielleicht unbequeme) Fragen einlassen. Das ist recht anspruchsvoll, nicht nur für Erwachsenenbilder, braucht Aufmerksamkeit und Zeit. Doch aus solchen geöffneten Situationen können tiefere Begegnungen entstehen und im pädagogischen Zusammenhang wächst die Chance, dass Menschen sich wirklich angesprochen fühlen und bereit sind, dazuzulernen.
„Fragen stellen zu können, ist eine Fähigkeit, die man nie verlernen sollte“, so der Philosoph Richard David Precht. „Denn Lernen und Genießen sind das Geheimnis eines erfüllten Lebens. Lernen ohne Genießen verhärmt, Genießen ohne Lernen verblödet… Was sollte es für einen schöneren Erfolg geben, als durch fortschreitende Selbsterkenntnis ein bewussteres Leben zu führen.“

Solche Ansätze sind nichts für autoritär strukturierte Geister und dozierende Eiferer, denn sie wollen keine offenen, ganzheitlichen (Lern-)Prozesse. Sie wollen „unterweisen“ und sagen, wo’s lang geht. Versuchen sie sich an Qualifizierungsaktionen, so verkommt das Lernen der Bemüßigten schnell zur oberflächlichen Pflichtübung, weckt kaum echtes Interesse, löst keine Betroffenheit aus. Es hat zumeist nur Kurzzeitcharakter und keine nachhaltige Wirkung. „Der Mensch ist lernfähig, aber unbelehrbar“ schrieb der Pädagoge Horst Siebert.

Auf Anliegen, Wünsche und Themen von Menschen zu achten, bedeutet nicht, ihnen automatisch nach dem Mund zu reden. Irrtümer und Vorurteile brauchen Widerspruch. Enge Blicke sind zu weiten und diejenigen, die nur in eine Richtung starren, sollten mal die Perspektive wechseln. Damit dies möglich wird, ist jedoch an den Erfahrungen und dem Vorwissen der Teilnehmenden anzusetzen. Und gerade wenn in die Auseinandersetzung widersprechende Fakten und andere Meinungen eingebracht werden, stoßen diese wohl eher auf positive Resonanz, wenn sich Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen können.

Menschen mit Sensibilität, mit Visionen und mit Leidenschaft können andere bewegen. In Zeiten, in denen Technokratie, Bürokratie und Ökonomisierung so dominieren und die Menschen funktionalisieren bzw. in ihrer Eigenart neutralisieren oder gar schachmatt setzen können, ist der gemeinsame Blick über den Tellerrand, auf das Ungewöhnliche, aber auch auf das Skandalöse so lebensnotwendig. Dieses Auskundschaften erschließt neue „Möglichkeitsräume“ (Ortfried Schäffter), in denen Wertvolles entdeckt und tieferer Sinn gefunden werden kann. Auf was kommt’s mir an? Was ist dran? Wie kann es anders, besser werden? Die Beschäftigung mit solchen Fragen führt zu persönlichen Lebens- und Lernprojekten, die Frischluft produzieren und andere anstecken können. Austausch entsteht, Gemeinsames wächst, Solidarität kann folgen. Der amerikanische Rocksänger Bruce Springsteen singt in seinem Song ‚Workin’ on a dream’: „Ich arbeite an einem Traum, und die satten Felder sind so weit weg. Ich arbeite an einem Traum, unsere Liebe wird es irgendwann möglich machen.“
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (Matthäus 4,4). Er lebt von der Sehnsucht nach Intensität und Begegnung, die weit über den Tag hinaus reichen. Ecce homo: Seht den Menschen in seiner Stärke und in seiner Schwäche, in seiner Einzigartigkeit und in seiner Heiligkeit. Diese göttliche und gottbezogene Dimension des Lebens schafft Bewegung, die weiterströmt.

Paul Schlegl
Leiter KEB-Bildungswerk